Was ist Wissenschaft?
Von Francesc Hervada-Sala.
Der Grundfehler in vielen Aussagen über das, was die Wissenschaft ausmacht, ist, dass man nur darüber spricht, was der Wissenschaftler tut. Man sagt etwa: Der Wissenschaftler tut nichts anderes, als das, was jeder Mensch im Alltag tut, nur systematischer. Oder: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind ein soziales Konstrukt. Dabei ist überhaupt nicht das, was der Wissenschaftler tut — schon gar nicht das, was er zu tun glaubt —, was die Wissenschaft charakterisiert. Den Satz des Thales halten wir heute nicht deshalb für wahr, weil ein Herr Thales dieses oder jenes zu tun geglaubt hätte, sondern, weil dieser Satz seit über zweitausend Jahren unwidersprochen da steht, weil er sich auf konsistenter Weise in die ganze Mathematik eingliedern lässt, und weil die ganze Mathematik die solideste Erkenntnis ist, über die wir verfügen, nicht nur, weil Generation über Generation von Mathematikern die jeweils erreichten Kenntnissen akzeptiert haben, sondern vielmehr, weil wir auf der Mathematik die modernen Naturwissenschaften aufgebaut haben, die in den letzten zwei Jahrhunderten einen durchschlagenden Erfolg hatten und durch die technische Anwendung das Angesicht der Welt grundlegend verändert haben.
Deshalb sollten wir nicht darüber Streiten, was wir tun, wenn wir Wissenschaft betreiben. Denn dies ist Ansichtssache, wir werden in Zukunft meinen, wir hätten heute etwas anderes gemacht, als das, was wir heute zu tun glauben. Außerdem brauchen wir nicht alle dasselbe darüber zu denken. Es ist gut, dass verschiedene Ansichten über die Wissenschaft vertreten sind. Nicht die Ideen sind die wissenschaftliche Angelegenheit, sondern das Ergebnis, das ganze Wissen.
Versuchen wir nun, das Wesen der Wissenschaft zu ergründen.
Wissenschaft als Text
Wieso ist das wissenschaftliche Wissen überhaupt wahr? Wenn es wahr sein sollte, wieso stellt es sich in der Wissenschaftsgeschichte immer wieder als falsch heraus? Warum sollte man die Naturwissenschaft gerade auf Experiment und Mathematik basieren? Gibt es überhaupt so etwas wie ein reines Experiment? Was ist die Mathematik überhaupt? Wieso sollten Eigenschaften der idealen mathematischen Welt auch auf die reale Welt zutreffen? Worauf sollte man die Geisteswissenschaften basieren? Nicht auf Experiment und Mathematik? Dann haben wir grundsätzlich mindestens zweierlei Wissenschaften?
Wenn man die Wissenschaft als Text auffasst, lösen sich sofort viele epistemologische Fragen auf und es entsteht ein klares, einfaches, selbstkritisches Bild der Wissenschaft. Den Text im realitätsaufbauenden Modus einzusetzen, ist eine Fähigkeit des Menschen. Das tun wir, wenn wir sachlich sprechen. Alle Menschen von allen Zivilisationen und allen Zeiten verstehen den Text gleich. Das setzen wir ein, wenn wir Standpunkte diskutieren und uns dann einigen. Wieso wir überhaupt durch Anwendung des Textes einen gewissen Erfolg haben, wieso uns das für das praktische Tun und das Zusammenleben wie auch — wie wir uns einbilden — für das Verstehen nützlich ist, das ist ein Rätsel. Das ist aber auch das einzige Rätsel, denn aus dieser Tatsache ergibt sich der ganze Rest.
Die Wissenschaft entsteht, wenn Menschen sich organisieren, um einen größeren Text im realitätsaufbauenden Modus über längere Zeit aufzubauen. Wenn da die Logik angewendet werden muss und die Konsistenz oberstes Gebot ist, so ist das keine „metaphysische” Annahme, sondern einfach der Stoff, aus dem die Texte sind. Ein inkonsistenter Text ist ein schwacher Text. „Mathematik” ist der Name einer historisch entwickelten Wissenschaft, die Textstrukturen untersucht. Hier wird keine „ideale Welt” beschrieben, sondern die Formen des Textes. Deshalb gilt die Mathematik unbedingt für alle Menschen und deshalb gilt sie unbedingt für die Wissenschaft. Die Verallgemeinerung der Mathematik, die für alle Einzelwissenschaften gelten soll, ist die Wissenschaft der Textformen. Das ist die gemeinsame Grundlage von Natur- und Geisteswissenschaften, die Grundlage von allen Wissenschaften überhaupt, die somit der Wissenschaft im Ganzen Einheit gibt.
Der wissenschaftliche Text, über den man zu einem gewissen Zeitpunkt verfügt, ist natürlich unvollkommen. Nicht nur bedeckt er nicht alle Tatsachen, sondern enthält er auch Ungeprüftes (das sich als falsch herausstellen könnte) und Inkonsistenzen, man kann ihn außerdem immer strukturell verbessern. Es ist also selbstverständlich, dass das wissenschaftliche Wissen jeweils nicht wahr ist. Was wir wissen ist immer falsch, wir können aber fortschreiten und zu besseren Texten kommen.
Die Frage, was wäre dann, wenn der wissenschaftliche Text vollendet wäre, wenn er alles einbeziehen würde und auch in seiner Struktur nichts mehr zu verbessern wäre, würde die Wissenschaft dann „alles” Wissen oder sich nur mit einem Teilaspekt der Realität begnügen müssen?, bleibe dahingestellt.
Wissenschaft und Ideen
Was weiß die Wissenschaft? Was entsteht durch den wissenschaftlichen Betrieb? Gesicherte Erkenntnisse? Was ist eine „Erkenntnis”? Wie kann man überhaupt eine Erkenntnis „sichern”?
Nehmen wir einen beliebigen Satz, der zu den Ergebnissen der Wissenschaft gehört, etwas, das die Wissenschaft zurzeit für wahr hält. Was ist hier die „Erkenntnis”? Ich kann den Satz lesen und kann verstehen, dass die Realität sich so verhält, wie der Satz es behauptet. Doch diese meine Vorstellung, die ich voreilig als „Erkenntnis” bezeichnen könnte, ist allein meine Idee und entstammt deshalb meiner Vorstellungskraft, nicht der Wissenschaft. Was ich „denke”, wenn ich ein Newtonsches Gesetzt nachvollziehe, kann unmöglich das Ergebnis der Wissenschaft sein: Das würde voraussetzen, dass andere Menschen (die Wissenschaftler) meine Gedanken wahrgenommen und geprüft hätten. Die Menschen sind aber nun mal nicht in der Lage, Gedanken anderer wahrzunehmen, sondern nur jeweils die eigenen.
Wenn man in der Wissenschaft einen Satz für wahr hält, so deshalb, weil dieser Satz, so wie er ausformuliert wurde, sich mit der Zeit bewährt hat: Man hat ihn im Zusammenhang anderer für wahr gehaltenen Theorien geprüft und keine Inkonsistenz gefunden, er erklärt etwas Neues, für das keine bessere Erklärung vorliegt, etc. Hier geht es also um geprüfte Sätze, nicht um geprüfte „Vorstellungen”: Der Satz wurde verschiedentlich interpretiert, mal formal (mathematisch), mal hat man ihn an dieser oder jener Realität angewendet. Die Rede von irgend welcher „Erkenntnis” im Sinne von Bewusstseinsinhalt ist hier eine unzutreffende, nutzlose, irreführende Abstraktion.
Die Ideen gehören also nicht zur Wissenschaft, sichern kann sie nur die Texte, weil allein diese sich unverändert, exakt von den Wissenschaftlern erfassen und prüfen lassen. Daraus ergeben sich viele Konsequenzen, darunter: Ideen über die Realität lassen sich grundsätzlich wissenschaftlich nicht untermauern. Falsche Ideen können mit richtigen Theorien übereinstimmen, auch dann, wenn diese Ideen die Theorien hervorgebracht haben. Die Ideendiskussion gehört nicht zum eigentlichen wissenschaftlichen Betrieb, die wissenschaftliche Diskussion soll sich an den Texten halten.
Inhalt der Wissenschaft
Der Inhalt der Wissenschaft ist Text. Dies hat man bisher nicht gewusst, weil man über den fundamentalen Textbegriff nicht verfügte, man hat es aber seit eh und je praktiziert.
In der Wissenschaftsgeschichte hat man die Erkenntnisse mit verschiedenen Mitteln fixiert und weitergegeben: menschliche Sprache (Vers und Prosa), Zeichnungen in der Geometrie, ideographische Symbolsprache in der Algebra (später auch in der Logik und der Mathematik überhaupt) und neuerdings Computeralgorithmen. Man hat seit jeher das Wissen gesammelt und sich bemüht, die Aussagen einzeln zu verbessern, in Zusammenhang miteinander zu bringen, und die Summe in einzelnen Handbüchern und Enzyklopädien zusammenzustellen, seit der Bibliothek von Alexandria über die mittelalterlichen Summen und die Enzyklopädien der Moderne bis zum World Wide Web.
Seit der Antike hat man menschliche Sprache grammatikalisch analysiert, man hat jede Sprachproduktion auf syntaktische Struktur und Wortschatz zurückgeführt. Die Syntax hat man in eine Baumstruktur dargestellt, wo jeder Knoten einen „Typ” hat (Satz, Verb, Nomen etc.) und eine Reihe untergeordneter Knoten als Bestandteile. Eine ähnliche Syntaxanalyse lässt sich mit den algebraischen Ausdrücken machen. Eine solche Analyse können wir auch mit den geometrischen Abbildungen machen, seitdem Descartes mit algebraischen Mitteln die Geometrie erschloss. Die Computeralgorithmen werden in Programmiersprachen ausgedrückt und vom sogenannten Compiler syntaktisch analysiert. Man sieht also, Prosa, Algebra und Programme sind keine grundverschiedene Phänomene, sondern unterschiedliche Darstellungen von ein und derselben logischen Struktur, von uns Text genannt.
Der Inhalt der Wissenschaft ist also nicht etwas Prosa plus etwas Algebra plus etwas Software, sondern der darunterliegende Text. Wir können diese Tatsache sicherlich ignorieren und weiterhin diese drei Erscheinungen getrennt voneinander pflegen, doch damit verlieren wir nur Möglichkeiten. Die Wissenschaft wird ihre Stärke vervielfachen und zu neuen Ufern kommen, wenn sie realisiert, dass alles, was sie hervorbringt, ein Text ist, und wenn sie all ihre Ergebnisse in ein einheitliches, allumfassendes, auf einen einzigen fundamentalen Textbegriff basierendes Textkorpus integriert.
Das Buch der Natur
Wie man sich im Mittelalter gern ausgedrückt hat: das Buch der Natur ist in mathematischer Sprache geschrieben. Doch wieso? Wenn man sich dem mit dem hiesigen Textbegriff nähert, wird dieser Ausdruck durchsichtig. Wenn man ein Buch verfasst, das die Natur beschreibt, so verfasst man einen Text. Wenn man darin die Mittel einsetzt, die die Mathematik hervorgebracht hat, hat man einen größeren Erfolg. Es geht also nicht um verschiedene Fragen: 1. wieso ist die Natur ein Buch (also: wieso können wir Menschen darin lesen), 2. wieso existiert die mathematische Sprache (als Ideal der Vernunft), 3. wieso passen dann auch noch beide zueinander (und zwar unbedingt)? Hier gibt es hingegen die einzige Frage: wieso können wir mit gewissem Erfolg über die Welt sprechen? Das ist keine Eigenschaft der Welt, sondern eine Fähigkeit des Menschen. Es scheint nicht völlig unnütz zu sein, über die Realität zu sprechen, uns Menschen kommt es mindestens so vor, als würden wir uns gewissermaßen verständigen und einige Regelmäßigkeiten feststellen können. Diesen Eindruck gewinnen wir nicht nur unmittelbar, sondern auch indirekt: wenn wir unsere Tätigkeit durch Einsatz von Regeln strukturieren (wenn wir sie unter Texte subsumieren), dann wird die Realität — wie ich zu sagen pflege — wohlgeordnet, das Ergebnis ist besser. Auf der anderen Seite haben wir im Laufe von Jahrtausenden eine Wissenschaft der Mathematik hervorgebracht, die bestimmte Textstrukturen untersucht hat. Durch die Beschäftigung mit dem Text als solchem (ohne ihn an besondere Gegenstände anzuwenden) haben wir grundlegende Textstrukturen entwickelt und sie ausgereift. Die Mathematik studiert also keine „Gedanken” und sie bewohnt keine „ideale Welt”, sie studiert auch nicht die äußeren Gegenstände, sie studiert den Text, also den Stoff, den wir einsetzen, wenn wir die Realität beschreiben. Das klärt die Fragen vollständig auf, wieso die Mathematik etwas über die Welt aussagen kann, wo sie sich nicht aus der Welt ergibt, und wieso sie unbedingte Notwendigkeit ergeben kann, etwas, das sich aus Beobachtung nicht ergibt. Die Mathematik „funktioniert” aus denselben Gründen, warum „Sprache” funktioniert. Da wir über die Welt sachlich sprechen können, deshalb können wir auch eine Mathematik hervorbringen. Der tiefere gemeinsame Grund bleibt weiterhin ungeklärt. Das eine Rätsel besteht: wieso ist die Welt überhaupt verstehbar?
Diese Begründung des Satzes über das Buch der Natur ist aber nicht im oberflächlichen Sinne zu verstehen, als wäre die Natur eine Sache, das Buch darüber etwas anderes von Menschen gemachtes und deshalb auf Text basierendes, als hätten wir auch das Buch nicht schreiben können, aber wenn wir es schreiben, dann mit Text. Der Satz zielt tiefer hinein. Es geht nicht um ein Buch „über” die Natur, sondern um das Buch, das die Natur „ist”. Wenn zum Beispiel die Wissenschaft eine Schrift verfasst, die die Realität beschreibt, so entspricht die Schrift einem bestimmten Text und die beschriebenen Phänomene demselben Text. Die Arbeit, eine Behauptung auf „Wahrheit” zu untersuchen, besteht darin, den aus der Aussage entnommenen Text auf die Realität anzuwenden, und zu prüfen, ob er in ihr auch anzutreffen ist. Die Wahrheit einer Aussage besteht nicht in einer „Übereinstimmung” von zwei ontologisch verschiedenen Entitäten wie Ausdruck und Gegenstand, sondern in der Gleichheit von zwei Texten, den einen zieht man aus dem Ausdruck und den anderen aus dem Gegenstand.
Wissenschaftsbegriff
Fassen wir zum Schluss den Wissenschaftsbegriff zusammen. Das Wesen der Wissenschaft liegt darin, einen Text aufzubauen, der die Realität so beschreibt, wie sie ist. Wissen nennt man den resultierenden Text, wenn man sich daran im realitätsaufbauenden Modus hält.
Diese meine Interpretation des Wesens der Wissenschaft stimmt erst einmal rein formal mit den Wissenschaften, die es seit jeher in allen Zivilisationen gegeben hat. Denn es hat immer einen ausformulierten Text gegeben, sei es eine mündlich überlieferte Geschichte oder eine mehr oder minder fixierte Schriftensammlung, die jeweils als das erreichte Wissen gegolten hat. Diese Interpretation lässt auch das Klischee, die moderne Naturwissenschaft sei deshalb so erfolgreich, weil sie 1. auf Experiment und 2. auf Mathematik beruhe, unter neuem Licht erscheinen. In Wahrheit ist die moderne Naturwissenschaft deshalb so erfolgreich, weil sie 1. den Text kritisch prüft und 2. den Text formal fixiert. Kritische Textprüfung bedeutet, den Text in allen möglichen Umständen anzuwenden, ohne ihn zu verändern, um zu sehen, ob er jeweils mit der Realität übereinstimmt. Fixierter Formalismus bedeutet, dass es nicht um sinngemäß zu deutende Prosa, sondern möglichst um formalsprachliche Ausdrücke geht, die man unvoreingenommen einsetzen kann. Wenn man sich die weniger erfolgreiche Einzelwissenschaften anschaut, fällt einem tatsächlich auf, dass sie sowohl wenig kritisch hinterfragt wie auch wenig formal ausgedrückt sind, dass es da also weniger um Text und viel mehr um Ideen geht, was der Inbegriff der Unwissenschaftlichkeit ist.
Noch wichtiger erscheint mir aber dieser Begriff der Wissenschaft insofern, als er einen viel versprechenden einzuschlagenden Weg aufzeigt. So lange man auf Experiment und Mathematik fixiert ist, kann man keine Historie, keine Literatur- und keine Rechtswissenschaft als strenge Wissenschaft betreiben. Wenn man sich hingegen um einen ausformulierten geprüften Text bemüht, kann man sich genauso gut fundiert mit Geistes- wie mit Naturwissenschaften beschäftigen. Über alles, worüber man sachlich sprechen kann, lässt sich grundsätzlich auch Wissenschaft machen.