Der Textbegriff
Von Francesc Hervada-Sala.
Es ist eine Entdeckung, die eine neue Welt aufmachen wird — keine neuen fernen Länder, sondern eine neue Welt in allem, was uns schon seit immer umgibt. Der Text ist real. Den gibt es in der Welt unabhängig von uns Menschen. Bisher hat man den Text als ein gesprochenes oder geschriebenes Stück aufgefasst. Hier hat man sich nicht nur auf eine kleine Teilmenge aller Texte beschränkt, sondern vor allem eine grundfalsche Interpretation nahe gelegt, nämlich der Text wäre das, was man versteht, wenn man einen Text hört oder liest. Man hat geglaubt, der Text wäre in unseren Gedanken. Diesen primitiven Textbegriff gilt es zu erweitern und zu vertiefen.
Zugang zum Text
Wenn wir vor einem Schriftstück stehen, gibt es da zunächst graphische Zeichen in Zeilen oder Spalten angeordnet. Ein Text ist aber kein Bild. Das leuchtet sofort ein, wenn man bedenkt, dass ein kompetenter Sprecher den Text vorlesen kann und hier verschriftliche und gesprochene Sprache identisch sind. Offensichtlich ist also ein Text keine materielle Realität und wir Menschen nehmen ihn daher nicht unmittelbar mit den Sinnesorganen wahr. Wahrnehmen können wir eine Textdarstellung, aber nicht den Text an sich.
Wenn die Sinnesorgane also ausgeschlossen sind, bleibt nur eins übrig, durch das die Texte wahrgenommen werden könnten, nämlich der Verstand. Wir sehen oder hören, dass ein Text da ist, dann, und nur dann, wenn wir ihn verstehen. Nur durch den Verstand können wir sicherstellen, dass die Zeichenfolge „hallo!” auf einem Blatt Papier symbolisch dasselbe darstellt wie das von jemandem ausgesprochenen Wort „hallo!”.
Mensch und Text
Schauen wir uns nun genauer an, was es heißt, den Text zu verstehen. Was für Vermögen hat der Mensch überhaupt? Jeder Mensch hat jederzeit Erlebnisse, er fühlt, ahnt, erinnert sich, beobachtet. Das ist unbezweifelbar, aber: ist das alles? Wohnt jeder von uns in seiner eigenen Welt eingeschlossen? Zu unserer Erfahrung gehört die Idee der Wirklichkeit, eines Raums der mit anderen geteilten Existenz. Dieses ist zunächst unsere Überzeugung, oder unser Glaube, oder unsere Unterstellung. In meinen Erlebnissen lässt sich zwischen mir und der Welt unterscheiden. Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch „meine” Welt nicht als eine eigenständige Realität, sondern als meine Auffassung derer heraus. Was ist denn wirklich? Das steht für uns nicht ein für allemal fest, denn wir sind mangelhaft informiert, wir irren und täuschen uns, und mit den Lebensjahren des Einzelnen und den Jahrhunderten der Gattung meinen wir, alte Irrtümer und Vorurteile überwunden zu haben und die Realität immer besser zu kennen. Die Anschauung bringt grundsätzlich eine Ansicht hervor, nie die Wirklichkeit selbst. Außerdem ist die Anschauung immer Subjekt-bezogen. Die einzige Stütze, die unsere Erlebnisse der Wirklichkeit bieten, ist die Erfahrung des Sprechens. Weil einer von uns spricht, und sagt „da ist ein Baum”, und ein anderer von uns dieses hört und dem zu sagt, deshalb können wir unsere Auffassung von Wirklichkeit aufbauen. Doch was teilen wir miteinander, wenn wir beide den Satz „da ist ein Baum” zustimmen? Nicht das Erlebnis teilen wir, auch nicht bestimmte Aspekte der Wirklichkeitsauffassung, sondern im Grunde eine textuelle Struktur: ist ( (Baum (ein)), da ). Dass es um diese 4 morphosyntaktischen Elemente geht, und dass sie diese hierarchische Anordnung aufweisen, das ist es, was du und ich teilen. Und zwar teilen wir es genau, nicht „analogisch”, nicht „ungefähr”, sondern wir haben beide exakt dieselbe Struktur, denselben Text, erfasst. Texte sind alles, was wir miteinander teilen, sie sind das einzige, was wir streng genommen gemeinsam haben. Der Text ist die einzige mögliche Grundlage dessen, was wir die Wirklichkeit nennen.
Der Text wird — so weit wir wissen — nur von Menschen als solcher verstanden und zum Zwecke dieses Verstehens hervorgebracht. Beim Sprechen oder Schreiben gestaltet man die Materie so, dass andere durch Erkennen der Ordnung in den Lauten bzw. den Schriftzeichen wieder den Text erfassen. Der Text kommt aber als solcher auch ohne menschliches Tun in der Welt vor. Zum Beispiel ist die genetische Information in den Lebewesen ein Text: Mit den Symbolen A, G, T und C werden Texte gebaut, die biologisch symbolisch (in der DNA-Replikation, der Transkription, etc.), nicht analogisch wirken.
Text als symbolisches Geflecht
Der Text lässt sich ausgehend vom Symbolbegriff so definieren: Ein Text ist ein symbolischer Ausdruck, der aus bestimmten Symbolen besteht und diese in einem artikulierten Ganzen integriert. Einen Text als solchen zu verstehen, bedeutet, die Symbole zu erkennen und das Beziehungsgeflecht zu erfassen. Diese Definition setzt natürlich voraus, dass wir wiederum Klarheit über die Symbole selbst gewinnen.
Der Fehler, den wir unbedingt vermeiden sollen, wenn wir uns um den Symbolbegriff bemühen, ist, das Symbol als so etwas wie ein „Zeichen, das für einen Gegenstand steht” zu definieren, wie man es häufig tut. Eine solche Definition ist zunächst deshalb falsch, weil sie nur den Gebrauch eines Symbols, nicht dessen Realität bezeichnet. Ferner aber, und viel schlimmer, übersieht diese Definition, dass nicht nur das Symbol existiert, ohne dass es für einen Gegenstand steht, und auch nicht nur, dass dasselbe Symbol für verschiedene Gegenstände stehen kann, sondern vielmehr missversteht sie die Funktionsweise der Symbole grundsätzlich. Ein Symbol ist nicht dazu da, etwas zu bezeichnen, sondern existiert als intersubjektive, persistente Realität, unter der man Gegenstände subsumieren kann. Der Gebrauch von einem symbolischen Ausdruck besteht zum Teil in dem Umgang mit dem existierenden Text (Überlieferung, Umwandlung), und zum Teil in deren Anwendung. Unter der Anwendung fällt das Subsumieren anderer Gegenstände oder Situationen unter dem Text. Bei jedem Fall der Anwendung deutet man das Symbol als Zeichen eines Gegenstandes, aber nicht bei allen Anwendungen desselben Symbols steht es für denselben Gegenstand. Der Gebrauch des Symbols als Zeichen-für ist also nur ein Teilaspekt der Anwendung der Symbole, und die Anwendung im Ganzen macht wiederum nur die Hälfte dessen aus, was man mit Symbolen tut, mit denen man auch materiell hantiert.
Versuchen wir nun, den Text etwas genauer zu definieren. Wir nennen symbolische Reduktion den Vorgang, durch den etwas (Reales oder Gedachtes, ein Gegenstand, ein Sachverhalt, ein Prozess etc.) auf einen Text zurückgeführt wird. Der Text ist ein symbolisches Gebilde, das heißt, er besteht aus: a) bestimmten Symbolen b) in einer bestimmten Anordnung.
Um einen Text nachzuvollziehen, muss man die Symbole und deren Anordnung erkennen. In einer Textdarstellung haben nur die Symbole, nicht deren Anordnung eine physikalisch-gegenständliche Entsprechung. Man hört, sieht oder fasst unmittelbar die Symbole, man versteht die Beziehungen, die zwischen ihnen walten. Die Symbole samt Beziehungsmannigfaltigkeit bilden den Text.
Menschen tun eine symbolische Reduktion, wenn sie in der Welt und im eigenen Geist einen Text erkennen. Das tun wir also dauernd beim Sprechen und Schreiben. Eine symbolische Reduktion lässt sich aber auch maschinell durchführen. Eine Digitalkamera reduziert das hineinkommende Licht auf ein symbolisches Gebilde, ein digitales Thermometer reduziert die Temperatur auf einen numerischen Wert, die auf dieser Weise entstandenen Reihen von Bits lassen sich durch einen Rechner weiterverarbeiten. Die symbolische Reduktion ist also an sich keine geistige Tätigkeit, sondern eine Realität verändernde, die es auch ohne ein menschliches Bewusstsein gibt.
Allgemeine Formel des Textes
Es ist sehr wichtig, über eine formale Definition des Textes zu verfügen. Da der Text die Basis von aller Wissenschaft und Organisation ist, bestimmt der eingesetzte Textbegriff deren Grundlagen und somit auch deren endgültigen Grenzen. Ich suche nach einer formalen Definition des Textes, die auch durchgängig überall angewendet werden kann. Zurzeit experimentiere ich mit der folgenden Formel.
Ein beliebiger Text lässt sich mit einer einfachen Notation formal aufzeichnen. Die allgemeine Formel des Textes lautet:
=<Übergeordnete Texteinheit>
{
=<Untergeordnete Texteinheit> ~<Rolle> :<Typ>
}
So drücken wir beispielsweise den Stammbaum einer Familie Müller aus:
=Müller :Familie
{
~Elternteil =Anna :Frau
~Elternteil =Martin :Mann
~Kind =Max :Mann
~Kind =Mona :Frau
}
Grundlage für die obige Definition sind etwa diese Angaben:
=Mensch
=Mann :Mensch
=Frau :Mensch
=Familie
{
=Elternteil :Mensch
=Kind :Mensch
}
Dieser Text besteht aus 11 Symbolen: Müller, Anna, Martin, Max, Mona, Mensch, Man, Frau, Familie, Elternteil und Kind. Ausgesagt wird hier Folgendes: Die Familie Müller besteht aus 2 Elternteilen, Anna und Martin, und 2 Kindern, Max und Mona. Frauen sind Anna und Mona, Männer Martin und Max. Diese Auskunft beruht auf den folgenden Definitionen: Eine Frau und ein Mann sind jeweils Menschen. Eine Familie besteht aus Menschen in der Funktion von Eltern oder Kindern.
Zur Notation: Das Präfix „=” steht für Namen, „~” für Rolle, und „:” für Typ, die geschweifte Klammern schließen eine untergeordnete Ebene ein.
Mit dem Namen wird ein Symbol identifiziert. Jedes Symbol ist genau einem anderen Symbol untergeordnet. So ist hier Anna der Familie Müller untergeordnet.
Der Typ ist wiederum ein anderes Symbol, aus dem der definierte Symbol eine Konkretion ist. Jedes Symbol ist eine Konkretion eines anderen Symbols, und alle Symbole sind mittelbar oder unmittelbar Konkretionen vom Symbol „Symbol”. So gilt oben: Anna konkretisiert Frau, Frau konkretisiert Mensch, und Mensch konkretisiert Symbol.
Die Rolle ist eine Beziehung zweiten Grades zwischen dem übergeordneten und dem untergeordneten Symbol. So spielt Anna in der Familie Müller die Rolle des Elternteils. Jedes Symbol spielt als Bestandteil eines anderen eine bestimmte Rolle. Die Rolle ist nicht beliebig frei, sondern muss ein untergeordnetes Symbol des Typs sein. Zum Beispiel: alle untergeordneten Symbolen eines Symbols vom Typ „Familie” müssen entweder die Rolle „Elternteil” oder die Rolle „Kind” spielen.
Ein beliebiger Text lässt sich als einen symbolischen Ausdruck in dieser Form aufzeichnen. Ein Symbol ist die einfachste Texteinheit und wird mit einer Benennung (Zeichenkennung) aufgezeichnet. Die anderen Texteinheiten ergeben sich ausgehend von Symbolen durch die obige Formel.
Was ist der Text in einem sprachlichen Ausdruck? Das, was die grammatikalische Analyse des Ausdruckes ausmacht. Die Symbole sind die Laute bzw. Schriftzeichen, diese werden gruppiert, um zuerst morphologische, dann syntaktische Einheiten darzustellen. Die in einem sprachlichen Ausdruck vorhandenen Symbole zusammen mit deren Artikulation bilden den Text, den man durch die obige Formel aufzeichnen kann.
Was ist der Text in der Wissenschaft? Wenn man die Spezifizierung der Galileischen Gesetze in Deutsch, Chinesisch und Mathematischer Sprache vergleicht, kommt man zu drei verschiedenen Texten. Auffällig ist hier: Die Syntaxanalyse des deutschen und des chinesischen Ausdrucks bringt ganz verschiedene Textstrukturen hervor, die mit dem physikalischen Gesetzt jeweils keine Ähnlichkeit haben. Die Analyse des mathematischen Ausdrucks legt hingegen wiederum das Gesetz frei. Das verdeutlicht das charakteristische Merkmal der Formalsprachen: Der textmäßige Inhalt eines formalsprachlichen Ausdrucks stimmt mit dem intendierten semantischen Inhalt überein. Auf Deutsch oder Chinesisch bauen wir einen Text, der erst richtig ausgelegt werden muss, um zu einem anderen Text, der die Realität abbildet, zu kommen. In einer Formalsprache hingegen wird der Realität abbildende Text selbst gebaut.
Wohlordnung
Die Realität des Textes erkennt man wohl am deutlichsten daran, dass der Texteinsatz die Realität ändert und Wohlordnung hervorbringt. Doch wie erklärt sich die Wohlordnung? Warum ordnet der Texteinsatz die Realität zum Guten? Dass die textmäßige Steuerung Ordnung bewirkt, ist kein Wunder, sondern eine Tautologie, denn geordnet nennt man die Sachlage, die sich mit einer einfachen Regel beschreiben lässt. Die Gestaltung der Wirklichkeit so, dass sie einem übersichtlichen Text entspricht, bewirkt also per definitionem Ordnung. Nur warum ist die Ordnung gut? Dass wir die Ordnung gut finden, ist zum Teil eine subjektive Bewertung. Nicht alle Völker legen so viel Wert auf die Ordnung wie die Deutschen — für die der ganz alltägliche Satz „alles in Ordnung” so viel bedeutet wie „alles ist korrekt” —. Doch die Wohlordnung ist auch etwas rein pragmatisch Gutes, sie wird zum Beispiel in der Informatik und der Ingenieurskunst genauso hoch geschätzt wie in Politik, Recht und Wissenschaft. Ja in der Weltgeschichte überhaupt geht die Wohlordnung mit zivilisatorischem Fortschritt einher. Ein wohlgeordneter Sachbestand lässt sich von Menschen überblicken und steuern. Die Menschen können ihn verstehen und bei Bedarf ändern.
Text und Realität
Den Text können die Menschen in Realität aufbauenden Modus einsetzen: Man kann in den Sachen eine Ordnung herausfinden und sie textmäßig zum Ausdruck bringen. Warum solche Texte überhaupt stabil wirken, warum sie von verschiedenen Menschen als zutreffend anerkannt werden können, ist ein Rätsel. Die Frage läuft darauf hinaus: Wieso ist die Welt verstehbar? Tatsache ist, wir haben offensichtlich mit Text einen gewissen Erfolg beim Verstehen der Welt.
Wenn Galilei der Natur eine mathematische Formel errungen hat, dann hat er etwas Wahres über die Realität herausgefunden. Die Materie befolgt nicht erst seit Galilei bestimmte Gesetze, nur er hat sie als erster ausformuliert und seitdem wissen die Menschen, dass sie zur physischen Welt gehören. Diese Gesetze sind ein Text, kein sprachlicher Ausdruck. Sie lassen sich in vielen natürlichen Sprachen ausdrucken, auf Italienisch, Lateinisch, Tibetisch, Japanisch, etc. Dabei entstehen nicht jeweils andere Gesetze, sondern immer dieselben, die man am deutlichsten und genauesten in mathematischer Notation aufzeichnet.
Wie soll der Text real sein? Text wird verstanden, so kann es ihn doch nur in unserem Verstand geben, oder nicht? Falsch. Wenn ich einen Text in der Welt erkenne, so gibt es zwar den Text als Abstraktion nur in meinem Verstand. Doch nur wenn die Wirklichkeit auf bestimmter Weise geordnet ist, kann ich darin einen Text erkennen. Die Ordnung existiert tatsächlich. Dass die Gegenstände sich auf bestimmter Weise zueinander beziehen, dass die Vorgänge bestimmte Schritte durchlaufen, das ist die Form der Realität selbst. Sicher kann man sich Texte ausdenken, die nicht echt sind. Aber der Wirklichkeit unterliegt auch ein Text, und dieser ist real.
Indem ich die Realität des Textes behaupte, sage ich nicht meiner Idee des Textes Realität zu, sondern anders herum sage ich der Realität Textualität zu. Viele Menschen machten bereits die Erfahrung des Textes. In der Juristerei erfährt man die Härte der Gesetze, die viel Arbeit, die nötig ist, um die Regeln zu verfassen, in der Gesellschaft zu vereinbaren und in der Anwendung durchzusetzen. Die Regeln, um die es da geht, sind keine materielle Realität, sondern ein Text. In der Naturwissenschaft erfährt man die Härte der Theorien, die Mühe, die nötig ist, um sie herauszufinden, zu prüfen und in der Wissenschaft einzugliedern. Die Erkenntnisse, um die es da geht, sind keine materielle Realität, sondern ein Text. In der Mathematik und der Logik erfährt man die Härte der Vernunft, den großen Einsatz, der nötig ist, um neue Theorien aufzustellen und zu beweisen. Die Gegenstände wie Zahl, Menge oder Funktion um die es da geht, sind auch keine materielle Realität, sondern Text. Die Erfahrung des Juristen, des Naturwissenschaftlers und des Mathematikers ist unter einem Aspekt gleich. Sie alle erfahren die aufreibende Tätigkeit der Textentwicklung, die Komplexität des Textes, und auch seine Universalität. Sie erfahren, dass es etwas gibt, das sie wahrnehmen, das unabhängig von ihrem Willen ist, was man an seinem Widerstand erkennt, das stabil ist, weil es sich nicht mit der Zeit ändert, und das von allen anderen Menschen auch so wahrgenommen wird. Diese Erfahrungen sind, behaupte ich, ein und dieselbe, nämlich die Erfahrung des Textes; da jedes Gesetz, jede naturwissenschaftliche und jede mathematische Theorie sich auf einen bestimmten Text zurückführen lässt.
Die heute lebenden Menschen können überhaupt nichts mit meinem Textbegriff anfangen, und zwar nicht wegen der technischen Einzelheiten, sondern grundsätzlich, weil sie nicht die leiseste Ahnung von der Realität des Textes haben. Man hält Text und Idee nicht auseinander. Man steht vor einem Schriftstück und sieht überhaupt keinen Text, sondern die eigenen Ideen über das, worüber die Rede ist. Man nimmt in einem Gespräch teil und kann keinen Abstand von den Gefühlen gewinnen, die es erweckt. Man ist überhaupt nicht in der Lage, sich vor dem Text zu stellen und ihn von außen her zu betrachten, man kann ihn nur unmittelbar erleben. Und dies gilt überall, von der Alltags- bis hin zur wissenschaftlichen Sprache. Für die Juristen und die Politiker sind die Gesetze genauso unauffällig, wie für die Mathematiker die rationalen Strukturen und für die Naturwissenschaftler die Theorien. Niemand kann sich träumen lassen, dass dahinter nichts anderes als der Text steht: der einzelne, natürlichsprachliche Text im Falle der Gesetzgebung, der einzelne, formalsprachliche Text in der Naturwissenschaft, die allgemeine Textstruktur im Falle der Mathematik. Wir hantieren täglich mit Texten mit der größten Selbstverständlichkeit, wir hinterlassen eine Nachricht, diskutieren eine Entscheidung, entwickeln Software, legen ein Examen ab, prüfen eine Theorie, und glauben, jedes Mal etwas völlig anderes zu machen, weil es für uns eine ganz andere Bedeutung hat. Die Realität dessen, was wir dabei eigentlich tun, ist jedoch nichts anderes als der Text, den wir da verfassen, umformen, prüfen oder beurteilen.
Text als Grundbegriff
Der Grundbegriff Text zeichnet sich als ein Volltreffer ab. Die Assoziationen, die das Wort Text erweckt, lassen diesen Begriff als eine Vertiefung von vertrauten Phänomenen statt als einer isolierten theoretischen Abstraktion erscheinen. Text ist zum einen die Produktion der mündlichen und schriftlichen Kultur, der Textbegriff erweitert dies aber, um die Produktionen der formalen Sprachen einzubeziehen, also Mathematik, Wissenschaften, Recht, Informatik etc., und zwar nicht durch einen verschwommenen mehrdeutigen Begriff, sondern durch eine feste allgemeine Textformel.
Die Tatsache, dass der Text fixiert ist und am Anfang steht und die Sprache nicht fixiert ist und seine Produktion ist, und nicht anders herum, wie man es bisher betrachtet hat, bringt Klarheit in vielerlei Hinsicht. Sprache ist eine Abstraktion, die zu einigen Zwecken sicherlich nützlich ist, die aber als Grundbegriff nicht taugt. Sprachen gibt es viele, und dies ist gut so, Text gibt es nur den einen.
Außerdem ist Text als Grundbaustein jeglicher Theorie hervorragend, denn es ist selbstständig. Wenn ich als Grundbegriff ein Atom nehme, thematisiere ich zwar eine physikalische Realität, führe aber zeitgleich das Wort „Atom” ein, das mit ihr in keinerlei Verbindung steht. Wenn ich als Grundbegriff die Zahl oder die Menge nehme, geschieht dasselbe. Der Textbegriff aber verweist nicht nur auf eine Wirklichkeit, sondern immer auch auf sich selbst. Das Wort Text ist nicht nur etwas, das die Menschen draußen erkennen können, sondern auch das, wodurch sie auf dieses Äußere verweisen. Der Begriff des Textes bricht also den grundlegenden Zwiespalt, der bisher die Wissenschaft beherrscht hat.
So gut der Textbegriff als tiefe Grundlage ist, so sehr scheut er auch die leere Abstraktion und fokussiert unsere Aufmerksamkeit auf das reale Ergebnis, auf das tatsächlich hervorgebrachte Textkorpus, das für sich untersucht und gepflegt werden soll. So macht er uns in der Wissenschaft auf das Ganze des wissenschaftlichen Korpus aufmerksam, das wichtigste Ergebnis der Wissenschaft, das man bisher aber ungesehen und ungepflegt im Hintergrund vergessen hat.
Namen für „Text”
Es sind viele Begriffe im Umlauf, die Varianten von „Text” sind. Wörter wie diese: Regel, Gesetz, Formel, Klasse, Typ, Art, Gattung. Aber auch Ordnung, Organisation, System, Organ und Theorie. Sogar Rationalität, Vernunft, Dialektik und Logik zählen dazu.
Nähern wir uns der Dialektik an. Allen herkömmlichen und historischen Bedeutungen des Wortes Dialektik liegt ein einziges Phänomen zugrunde. Dialektik ist das Spiel mit dem Text — ob oberflächlich oder tiefsinnig. Man kann sich äußerlich am ausformulierten Text halten und ihn dadurch bloß stellen, dass man ihn anderweitig anwendet. Das muss nicht unbedingt Überredung, kann auch Wissenschaft sein. Man kann sich innerlich darum bemühen, ein und denselben Text immer wieder neu zu interpretieren. Darin besteht die philosophische Dialektik, der Kampf der Ideen mit dem Text, das Spiel der Vorstellungen gegen die Realität.
Auch hinter der Logik steckt nichts anderes als der Text. Die Logik bestimmt nicht die Gesetze „des Denkens” sondern die Gesetze der Texte. Das Denken als Tätigkeit weist keine „richtige Reihenfolge” auf, genauso ist es nicht so, dass ein Widerspruch „undenkbar” wäre. Nur: ein Text hat bestimmte strukturelle Eigenschaften, die von jedem nachprüfbar sind, und ein Widerspruch lässt sich zwar formal ausformulieren, ergibt aber keinen Text, denn Text ist nicht etwas sinnlich Wahrnehmbares wie Schrift- oder Lautzeichen, sondern deren verstandesmäßige Erfassung.
Das Wort Vernunft bezeichnet auch Erfahrungen, die man mit dem Text macht. Vernunft ist die Fähigkeit, Handlungen und Gedanken durch Texte zu steuern, das heißt textkonform zu denken und handeln. Die Tatsache, dass der steuernde Text in der Regel gar nicht ausgedrückt wird und deshalb selbst in der Zwischenwelt zwischen Traum und Realität bleibt, hat historisch zu der Vernebelung des Begriffs geführt, dem man sich bisher nur mit falschen metaphysisch betonten Voraussetzungen genähert hat. Man braucht nur, bei jedem Auftreten einer als vernünftig gekennzeichneten Handlung den leitenden Text auszuformulieren, um zu sehen, dass das jeweils Vernünftige objektiv definiert werden kann. Eine vernünftige Diskussion erkennt man an bestimmten Formalitäten, die den Sprachgebrauch betreffen: Man setzt — mit dem Zweck, Missverständnisse vorzubeugen — die Worte möglichst eindeutig ein, bemüht sich um Begriffsklärung und formuliert die Sätze aus. Je vernünftiger man sein soll, desto formaler wird der Sprachgebrauch, das heißt desto objektiver wird der unterliegende Text verstofflicht. Eine vernünftige Handlung zeichnet sich durch den Einsatz von Regeln aus, man kann sie als Verwirklichung eines Satzes beschreiben.
Das Kind, das anfängt, den Vernunftgründen zugänglich zu sein, ist in der Lage, symbolische Zusammenhänge zu erfassen und sie im Tun und Sagen sachgemäß anzuwenden. Der an einem Streit beteiligte Mensch, der sich durch Vernunftgründe von etwas, das zunächst gegen seinen Willen ist, überzeugen lässt, tut nichts anderes, als den Wert des durchgängig textkonformen Handelns und der dadurch erreichten Wohlordnung an sich als höher einzuschätzen, als den eigenen Vorteil in einem Einzelfall.
Fazit
Den Text als Objekt soll man wahrnehmen, nicht als Interpretation, sondern als Realität, „gegen die” die Interpretation stattfindet. Der Text dieses Artikels besteht in einigen Absätzen, jeweils mit bestimmten Sätzen, die wiederum eine gewisse syntaktische und lexikalische Analyse zulassen. Die symbolische Struktur ist der Text. Wenn man es so definiert, und man über einen allgemeinen Textbegriff verfügt, dann kommt man zur Einsicht, das der Text nichts Sprachliches ist, sondern er auch in der Natur existiert — wieso sollte sonst das „Buch der Natur” in „mathematischer Sprache” geschrieben sein? —, was die Wissenschaft ermöglicht — wie wäre sonst die Wissenschaft „objektiv”? —, ferner auch die Grundlage des Rechts und jeglicher menschliche Organisation bildet.