Textarbeit

Von Francesc Hervada-Sala.

Die Vertextung ist die Anwendung des Textes zu praktischen Zwecken. Sie durchzieht alle menschlichen Tätigkeiten, die man als intellektuell — im Gegensatz zu materiell — bezeichnen kann.

Vertextung

Die Vertextung besteht darin, einen Gegenstand oder ein Aspekt durch einen Text darzustellen. Der Text entsteht durch symbolische Reduktion: man führt das Objekt auf bestimmte Symbole und bestimme Beziehungen zwischen ihnen zurück.

Mündlicher Ausdruck ist ein Vertexten. Die symbolische Auffassung der Wirklichkeit ermöglicht eine besondere Art der Kommunikation zwischen den Menschen und den Aufbau der gemeinsamen Realität.

Schriftlicher Ausdruck ist ein noch mächtigeres Vertexten: Der verschriftliche Text kann größer sein, kann fixiert und überliefert werden. Das Gedächtnis begrenzt die Schrift nicht mehr, diese kann immer wieder hie und da ergänzt und verbessert werden, und zwar von mehreren Personen, kann aufgehoben und später wieder aufgeschlagen werden. Die Wohlordnung durch Schriftlichkeit ist insofern größer.

Formaler Ausdruck bringt die Wohlordnung deutlich weiter, indem er die Grenzen des Individuums und seiner Subjektivität sprengt. Die Prosa muss „am Stück” gelesen und gedeutet werden. Das ist nicht nur Zeitaufwändig und hat Grenzen der Machbarkeit, sondern ideologisch behaftet. Der formale Ausdruck ermöglicht den Einsatz des Textes ohne zeitgleich bestimmte Auslegungen einzusetzen. Die Beweglichkeit im Vertexten ist viel größer. Die moderne Naturwissenschaft ist eine Errungenschaft des formalen Ausdrucks.

Computergestützte Vertextung ist die bislang letzte erreichte Stufe der Vertextung. Die maschinelle Konstruktion, Aufbewahrung, Umwandlung und Übermittlung von Text erweitert die Möglichkeiten von mündlichem, schriftlichem und formalem Ausdruck ungemein. Die Texte können noch größer werden, von mehr Menschen bei Bedarf geteilt und unter mehr verschiedenen Konfigurationen abgefragt werden.

Die Vertextung beschränkt sich nicht auf den „Ausdruck”, sondern prägt die Handhabung. Dieses macht die sogenannte „Digitalisierung” aus. Ein analoges Foto kann ich nur aufnehmen und später ansehen; mit einem digitalen kann ich es auch auf vielfältiger, ja unbegrenzter Weise bearbeiten.

Die nächste Stufe der Vertextung, die zu erreichen gilt, ist die organonische Vertextung. Diese besteht darin, das Prinzip der Vertextung überall eindringen zu lassen: in Wissenschaft, in Computertechnik, in allen Bereichen der Organisation.

Text in der Arbeitswelt

Der Text spielt eine Schlüsselrolle in unserer Arbeitswelt. Arbeiten sieht in vielen Bereichen so aus: man erhält mündlich oder schriftlich eine Aufgabe, man kommuniziert mündlich oder schriftlich mit verschiedenen anderen Personen, denen man Teilaufgaben delegiert, von denen man etwas bekommt, man integriert die verschiedenen Teilergebnisse und tut eventuell einen eigenen Teil dazu, dann liefert man selbst etwas zurück. Ein großer Teil der Arbeitszeit besteht gegenwärtig in kommunikativem Austausch zwischen den Beteiligten. Meistens machen wir nicht selbst etwas, sondern veranlassen, dass es jemand tut, oder brauchen wir zusätzliche Informationen, um es selbst zu tun. Dazu kommt, dass unsere Arbeitsaufgaben meist zum großen Teil bis rein sprachlicher Natur sind: der Lehrer, der Psychologe, der Jurist, der Büroangestellte, der Manager, sogar der Arzt und der Polizist, die meiste Zeit sprechen.

Die vorige Beschreibung des Arbeitsablaufes passt auffällig gut zur Beschreibung der Arbeitsschritte eines Computers bei der Ausführung einer sogenannten Prozedur: es werden andere Prozeduren aufgerufen und eventuell deren Ergebnisse kombiniert. Mehr nicht. Dass die Arbeitsabläufe der Menschen und die der von ihnen programmierten Computer dieselbe Form haben, ist kein Zufall, sondern rührt daher, dass es in beiden Fällen um Vertextung geht. Die Vertextung durchzieht all unserer Tätigkeit und die darin eingesetzten Textformen sind immer dieselben, egal ob man es „Algorithmus” nennt, weil es in einem Computerprogramm steht, oder „Organisation” nennt, weil es eine Gruppe von Menschen betrifft.

Mittel zur Textarbeit

In allen Bereichen, in denen man mit Texten arbeitet, gibt es bestimmte grundlegende Operationen, die immer wieder eingesetzt werden. So kommen in den Texten bestimmte lexikalische Texteinheiten vor, Wörter, denen innerhalb des Textes eine mehr oder minder feste Bedeutung zukommt. Immer nützlich sind da für die Auswertung zwei Ansichten: eine, die Auskunft über die wesentlichen Merkmale der einzelnen Lexeme sammelt, und eine andere, die Zugang zu allen Vorkommen der einzelnen Lexeme im Text verschafft.

Beispiel in der Philologie: Beim Studium eines klassischen Werkes der Literatur oder der Philosophie erstellt man ein Lexikon, in dem die Wortbedeutung erklärt wird (1. Ansicht). Man benutzt auch eine Konkordanz, um alle Vorkommen der Wörter zu übersehen (2. Ansicht). Beispiel in der Softwareentwicklung: Der Quellcode eines Softwareprogramms besteht in einer Sammlung von Symbolen (Modulen, Funktionen, Variablen, usw.), die einzeln spezifiziert werden (1. Ansicht). Im Laufe der Entwicklung braucht man immer wieder alle einzelne Vorkommen der Symbolen zu durchlaufen (2. Ansicht).

Dieselben zwei Ansichten kommen auch in allen möglichen anderen Sach- und Fachbereichen vor, nur werden sie heute voneinander getrennt betrieben. Wenn wir alle grundlegenden Operationen in der Textarbeit identifizieren, können wir aus der bereits gesammelten Erfahrung in jedem Bereich lernen und zu praktischen und mächtigen Werkzeugen kommen, die dann wieder zurück in die einzelnen Bereichen einfließen werden.

Textdesign

Die Textarbeit, die darauf zielt, den Text strukturell zu verbessern, könnte man Textdesign nennen. Ausgehend von einem bestehenden, mit der Zeit verwachsenen Text, oder aber von einem in Planung befindlichen, zu bauenden Text, besteht die strukturelle Textarbeit darin, die Unordnung im Text zu verringern und zu wenigen und enger verflochtenen Texteinheiten zu kommen. Die Peripherie des Textes wird kaum geändert, hier geht es um die inneren Schichten. Textdesign kann man grundsätzlich überall verrichten, wo man es mit ausformulierten großen Texten zu tun hat. Das Prinzip, unter dem man Textdesign macht, ist ein rein logisches, das sich nicht aus dem Bereich ergibt, wo der Text eingesetzt werden soll, sondern allein aus Text-internen Erwägungen. Das Vorgehen besteht darin, Ähnlichkeiten zwischen Texteinheiten zu finden, um zu modularen Verfassungen zu kommen, das heißt zu Texteinheiten mit starker inneren Bindung und flexibler Verbindung miteinander. Das Textdesign geht nahtlos ins Sprachdesign über, wenn es um grundlegende Texteinheiten mit sehr breiten Anwendungsmöglichkeiten gibt. Die Sprache ist strukturell gesehen eine Schicht des Textdesigns.

Als Vorbild für eine solche Textarbeit können wir die minimalistische Programmierung ansehen. Minimalismus könnte man das Ideal nennen, die Software möglichst einfach zu gestalten. Denn die Kunst der Programmierung besteht nicht darin, die Programme zu verkomplizieren — das tun sie mit der Zeit allein —, sondern sie zu vereinfachen. Es geht da nicht darum, Funktionalität zu sparen, sondern, den logischen Kern der Funktionalität ausfindig zu machen, die Software mit wenigen Grundfunktionen auszustatten, aus denen aber durch geschickte Kombination sich alle andere Funktionen ergeben. Der gute Softwareentwickler ist ein minimalistischer Schriftsteller, der sich in kürzen, genauen Sätzen mit perfekter Wortwahl ausdrückt und dem ganzen Werk eine überschaubare, stilvolle, ausbalancierte Einheit gibt.

Das Schöne an der Textarbeit, den richtigen Textbegriff vorausgesetzt, ist, dass man der Rationalität nachgeht, allerdings ohne diesen gefühlsbetonten und dramatischen Ausdruck zu benutzen. Die Textarbeit, die nicht das Effekt mit dem Text verwechselt, sondern den Text als solchen wahrnimmt und ihm mit seinen mehrfachen Effekten vergleicht, ist die Beschäftigung mit der Vernunft selbst, fern der verworrenen Autosuggestion und mit aufgewecktem Geiste.

Intellektuelle Arbeit

Eine neue Art der intellektuellen Arbeit entsteht dadurch, dass man sich dessen bewusst wird, dass intellektuelle Arbeit materiell darin besteht, mit Text zu hantieren. Man geht sinngemäß jeweils unterschiedliche Tätigkeiten nach, man „schreibt einen publizistischen Artikel”, oder „diskutiert eine gesellschaftliche Regel”, oder „programmiert einen Computer”, oder „verfasst ein wissenschaftliches Handbuch”, etc., aber materiell tut man dabei immer ein und dasselbe: einen Text erstellen und pflegen.

In der Gegenwart ist die Softwareentwicklung der Bereich, wo die Beschäftigung mit Text am meisten ausgereift ist. Man verfügt über viele verschiedene formale Sprachen — Programmiersprachen und Notationen zur Textauszeichnung — und über Werkzeuge für die Darstellung, Navigation und Bearbeitung von langen, komplexen Texten. Nur ein kleines Umdenken ist nötig, um einzusehen, dass diese ganzen Mittel sich eigentlich nicht auf „Software” beziehen, sondern auf „Text” überhaupt, und dass man sie in anderen intellektuellen Tätigkeiten anwenden kann.

Aber in vielen anderen Bereichen sind auch Mittel zur Textarbeit entwickelt worden, wie in der Wissenschaft und Jurisprudenz, viele Textsorten und Methoden im Umgang mit Texten sind zu speziellen Zwecken entstanden, die auch andernorts nützlich sein werden.

Die Trennung der materiellen Tätigkeit der Textarbeit von der sinnmäßigen Tätigkeit — jeweils einer anderen intellektuellen Arbeit — ermöglicht außerdem die Entstehung von einer neuen Tätigkeit, die wir die organonische Tätigkeit nennen. Es handelt sich um die Beschäftigung mit dem Text als solchem. Die organonische Arbeit verbessert nicht nur die Werkzeuge zur Textarbeit, was sich auf jede einzelne intellektuelle Beschäftigung auswirkt, sondern baut auch eine generelle Infrastruktur auf, die die Produktion aller intellektuellen Bereiche in ein zusammenhängendes Ganzes integriert. Das ist das Novum des Organons und sein größtes Verdienst. Die Integration bewirkt zum einen Konsistenz, zum anderen aber trennt sie auch den produzierten Text von den produzierenden gesellschaftlichen Agenten, womit das sonst unlösbare Problem der Grenzbereiche — zum Beispiel in der Wissenschaft das Problem der Parzellierung des Wissens, in der Informatik die Inkompatibilität der verschiedenen Systeme untereinander — hier grundsätzlich gelöst wird.

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Letzte Änderung am 02.04.11

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