Das Begriffspaar Text und Idee

Von Francesc Hervada-Sala.

Es gibt zwei Grundwirklichkeiten, die nicht aufeinander zurückzuführen sind. Wir nennen sie den Text und die Idee, damit geben wir diesen Worten eine neue Bedeutung, die als Vertiefung und Präzisierung der geläufigen Bedeutungen entsteht. Dieses Begriffspaar ist den herkömmlichen Grundbegriffen wie Materie, Geist, Struktur oder Information überlegen.

Idee. Text

Idee ist etwas Erlebtes. Wenn jemand sich etwas vorstellt, etwas empfindet, wahrnimmt, wünscht oder befürchtet, ist sein Erlebnis eine Idee. Jeder Mensch erlebt nur die eigenen Ideen und nur in der Gegenwart. Die Vergangenheit erleben wir nicht, wir können aber gegenwärtig ein Sich-Erinnern erleben, genauso erleben wir die Zukunft nicht, können aber gegenwärtig ein Erwarten erleben. Die Ideen anderer Menschen erleben wir auch nicht. Der Mensch verfügt über keine geistige Wahrnehmung: vom Anderen können wir nur den Körper sehen und die Sprache verstehen, seine Ideen aber erleben wir nicht, wir können nur ein Nachvollziehen derer erleben.

Text ist ein artikuliertes symbolisches Gebilde. Menschen können Symbole erkennen, diese können zum symbolischen Zweck geschaffene künstliche Zeichen oder auch natürliche Erscheinungen sein. Doch einzelne Symbole allein machen noch keinen Text. Der Text entsteht erst, wenn die Symbole Beziehungen zueinander aufbauen, ja der Text ist das Beziehungsgeflecht selbst.

Der Text ist nicht sinnlich wahrnehmbar, er ergibt sich durch Analyse aus einem sinnlich wahrnehmbaren Ausdruck, den wir die Textdarstellung nennen. Der Text in der laufenden Rede ist die Syntax der Sätze und die Morphologie der Wörter. Der Text in den Büchern ist dieses zusammen mit der Gliederung in Kapiteln, der Mehrschichtigkeit durch Fußnoten und anderen. Der Text in der Mathematik ist die syntaktische Analyse der Sätze. Der Text in der Softwareentwicklung ist die syntaktische und lexikalische Analyse des Quellcodes, so wie ein Compiler sie durchführt. Der Text im Recht ist der Wortlaut der Gesetze. Der Text in der Wissenschaft ist das symbolische Gebilde, das sämtliche Theorien und Tatsachenwissen bilden.

Doch Textdarstellung ist nicht unbedingt zum Zwecke des Ausdrucks von Menschenhand gestaltete Materie, wie in Sprache und Schrift, sondern Textdarstellung lässt sich auch in der natürlichen Welt erkennen. Wenn ich auf dem Land laufe und sage „am Bach steht ein Baum”, hält mein Satz eine Analyse einer Vielfalt von sinnlichen Wahrnehmungen, aus der eine logische Struktur hervorgeht. Sachlich sprechen heißt, einen Teil oder ein Aspekt des Wahrgenommenen und Empfundenen als eine Textdarstellung anzusehen und den unterliegenden Text in natürlicher Sprache auszudrücken.

Orthogonalität von Text und Idee

Text hat nichts von Idee und Idee hat nichts von Text. Idee ist die innere Erfahrung des Individuums, die grundsätzlich auf ihn und die Gegenwart beschränkt bleibt. Text ist ein Gebilde, das aus Symbolen besteht, die in einem Ganzen artikuliert sind. Anders als die Idee existiert der Text auch außerhalb der individuellen Erfahrung. Die Menschen können Texte erfassen, dabei entsteht aber ein Verständnis, das anders als die Ideen bei allen Menschen grundsätzlich genau gleich ist. Während die Ideen auf jeweils einen Einzelnen beschränkt bleiben, werden die Texte zwischenmenschlich geteilt. Textverständnis ist das, was die Menschen einigt, während die Ideen das sind, was die Menschen entzweit. Die hiesigen Grundbegriffe der Text und der Idee sind orthogonal. Das macht sie bessere Grundbegriffe als herkömmliche Alternativen wie: Materie, Struktur, Information, Geist. Jeder von diesen Begriffen vermengt das, was unübertragbare Erfahrung ist, mit dem, was intersubjektiv geteilt wird. Jeder von diesen Begriffen hat viel von Abstraktion und Idealisierung, während Text und Idee sachlich und nüchtern bleiben.

Das, was man Wahrheit nennt, kann einen Text oder eine Idee betreffen, das führt zu zwei orthogonalen Wahrheitsidealen. Auf der einen Seite kann man sich etwas vorstellen und es für wahr halten. Die Wahrheit kommt hier den Ideen zu. Ganz anders verhält es sich mit dem Text. Man kann beispielsweise das zweite Newtonsche Gesetz für wahr halten. Dieses bedeutet aber nicht: Ich verstehe diesen Satz so, dass eine wahre Vorstellung in mir entsteht. Dieses bedeutet hier vielmehr: Diesen Satz hat man seit über zwei Jahrhunderten an tiefster Stelle des physikalischen wissenschaftlichen Korpus verankert und hat einen durchschlagenden theoretischen und praktischen Erfolg gezeigt. Dieser Satz wurde von unzähligen Menschen mit den unterschiedlichsten Deutungen versehen, und nicht eine dieser Interpretationen soll man als wahr kennzeichnen, sondern den Satz allein. Die Wahrheit des Textes ist unabhängig von unserer Interpretation davon.

Aus der Beschaffenheit von Idee und Text ergeben sich die Eigenschaften von beiden Idealen. Die ideenmäßige Wahrheit wird individuell, intuitiv erfasst. Wir halten etwas für zutreffend, angemessen, wenn wir daran denken. Die textmäßige Wahrheit wird gemeinschaftlich, indirekt festgestellt, indem man den Text anwendet und seine Ergebnisse begutachtet. Während die ideenmäßige Wahrheit ein kulturelles Phänomen ist, immanent vielseitig und sich stets wandelnd, ist die textmäßige Wahrheit der Inbegriff des Wissenschaftlichen, unbedingt die Einheit und Universalität anstrebenden. Die Wahrheit der Ideen ist die Wahrheit eines einzelnen Menschen, einer Menschengruppe, Kultur oder einer Zeit, die Wahrheit der Texte ist die Wahrheit der Menschheit.

Das Prinzip des Widerspruchs gilt für die Wahrheit des Textes, spielt jedoch keine Rolle bei der Wahrheit der Ideen. Das rührt daher, dass ein Satz, der einen Sachverhalt schildert, immer für wahr oder falsch gehalten werden kann, während eine Idee nur darin bestehen kann, etwas für wahr zu halten. Es gibt Paare von Sätzen, die einander widersprechen, es gibt aber keine gegenseitig widersprechenden Ideen. Das verdeutlicht eine kleine Übung: Baue man eine Reihe, bei der jedes Element das vorige verneint. Bei den Sätzen erhält man eine unendliche Reihe mit nur zwei sich abwechselnden Sätzen: „X ist war”, „X ist falsch”, „X ist wahr”, „X ist falsch”, ... Bei den Ideen hingegen erhält man an jeder Stelle eine andere Idee: Wenn ich denke, dass es ein Irrtum war, X für falsch gehalten zu haben, denke ich keineswegs dasselbe, was ich gedacht habe, als ich X für wahr gehalten habe. Eine Idee kann zwar eine andere verneinen, doch sie vernichtet diese nicht, sondern lässt neben ihr etwas Neues entstehen.

Praxis

Dass Idee und Text so grundverschieden sind, hat zur Folge, dass sie jeweils eine andersartige Pflege benötigen und zu andersartigen Ergebnissen führen. Man ist gut beraten, zu erkennen, womit man es in jedem Einzelfall zu tun hat und dementsprechend unterschiedlich damit umzugehen und etwas anderes davon zu erwarten. Bei einem Gespräch kann der Zweck ein text- oder ein ideenmäßiger sein. In einer politischen Diskussion beispielsweise, geht es dann um Text, wenn man Einigung rund um ein neues Gesetz oder eine Maßnahme herzustellen sucht. Hier geht es um eine bestimmte Formulierung, die von allen Beteiligten akzeptiert werden soll, unabhängig davon, wie sie die Formulierung interpretieren, was unter den Beteiligten sehr unterschiedlich ausfallen kann. Es kann aber auch eine politische Debatte geben, in der es um den Ideenaustausch geht, wo in Konflikt stehenden Parteien die Position der jeweils anderen nachzuvollziehen versuchen. Hier geht es nicht um bloße Sätze, sondern darum, was man darunter versteht. Man soll je nach dem, ob man es mit Text oder mit Ideen zu tun hat, unterschiedlich an die Sache herangehen. Wenn man die Ideen anderer nachzuvollziehen versucht, bemüht man sich, sich in den anderen hineinzuversetzen. Wenn der Ideenaustausch über Worte stattfindet, so geht es darum, den vom Ansprechpartner geäußerten Text genau so zu interpretieren, wie er selber es tut. Wenn es hingegen um den Text geht, sollen wir über Formulierungen reden, sie kritisieren und verbessern, und auf unseren persönlichen Vorstellungen verzichten. Für die Ideen spielt der Wortlaut und dessen logische Konsistenz eine untergeordnete Rolle, für den Text ist eben dies die Hauptsache. Wenn es um Text geht, kann man — ja soll man sogar — die Worte des Anderen umdeuten. Wenn es aber um Ideen geht, hat es keinen Zweck, dem Anderen die Worte im Mund herumzudrehen.

Text und Ideen benötigen also jeweils eine andere Behandlungsart und führen zu spezifischen Arten von Ergebnissen. Doch neben der reinen textmäßigen und der reinen ideenmäßigen Arbeit hat der Mensch noch eine dritte Möglichkeit, und zwar die des Zusammenspiels zwischen beiden. Die Dialektik von Text und Idee ist der Gang, der abwechselnd in die eine und die andere Richtung schreitet. Man kommt zu einer Formulierung, diese interpretiert man, was zu einer neuen Idee führt, aus welcher sich wiederum eine Verbesserung in der Formulierung ergibt, und so fort. Text und Idee bereichern einander, wenn sie in konstruktivem Dialog auftreten. Wichtig ist hier, dass in diesem Miteinander beide die Eigenart behalten. Wenn man Text und Idee durcheinanderbringt, endet man in einen grauen, fruchtlosen Stillstand. Jeder Weg soll für sich gepflegt und vertieft werden, und dann beide in Dialog gebracht, das führt zu einem immer breiter und tiefer werdenden, nie anhaltenden Strom.

Der Mensch

Weder Text noch Idee sind spezifisch menschlich. Viele Lebewesen empfinden offenbar Ideen, dem Hund ist es deutlich anzusehen, dass er sich von der Ankunft des Herrchen freut, dem Elefanten, das er den Tod des Familienangehörigen trauert. Genauso gibt es den Text nicht nur, wenn Menschen ihn erfassen. Die Naturgesetze wirkten schon, als es noch keine Menschen gab, und wirken auch in entlegenen Galaxien, von denen kein Mensch noch Nachricht hatte. Auch gibt es ohne menschliches Tun biologische Mechanismen, die auf Text basieren, wie die Replikation des DNA, und automatische Maschinen, nämlich Computer, die Texte verarbeiten.

Was aber spezifisch menschlich ist, ist die Fähigkeit, den Text verstandesmäßig zu erfassen. Einem Hund kann ich mitteilen „ich habe dich lieb”, was er an meinem Tonfall und meiner Körpersprache ablesen kann, nicht aber „ich gehe jetzt, bin am Mittwoch wieder da”, den logischen Gehalt, was hier den Inhalt der Aussage ausmacht, übersieht er. Nur der Mensch kann Text verstehen, daher hat man ihn auch animal rationale genannt.

Die Einteilung der Wirklichkeit in Materie, Idee und Text ergibt sich nicht aus der Beschaffenheit der Welt, sondern aus der des Menschen. Materie ist für uns die äußere, Idee die innere Realität, der Text das, was beide zusammenführt. Materie nennen wir das, was uns die Sinnesorgane erschließen, Ideen das, was uns der Geist erschließt. So weit unterscheiden wir uns von etwa den Säugetieren nicht. Wir haben aber auch einen Verstand, der in der Lage ist, den Text zu erschließen. Das kann sonst kein anderes uns bekanntes Lebewesen tun. Den Text erschließt man zunächst innerlich, doch dadurch, dass jeder Mensch ihn identisch erfasst, schlägt der Text eine Brücke zwischen uns. Den Text, anders als die Ideen, teilen wir alle miteinander, und zwar objektiv, und er hält somit die Welt für uns zusammen.

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Letzte Änderung am 09.08.11

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