Philosophie

Von Francesc Hervada-Sala.

Wenn man verschiedene Menschen, die das Wort Philosophie in den Mund nehmen, fragt, was Philosophie sei, erhält man eine bunte Vielfalt von Antworten. Vom Mitglied einer pseudophilosophischen Sekte bis zum christlich-dogmatischen Leser Aristoteles über den Genießer weltanschaulicher Literatur, den in der analytischen Literatur verfangenen Philosophieprofessor oder den einfachen Menschen, der sich Gedanken über Gott und die Welt macht, sie alle gehen oberflächlich gesehen ganz andere Tätigkeiten nach und glauben, jeweils etwas ganz anderes zu machen. Wenn man von der Verschiedenheit der Absichten und Selbsteinschätzungen absieht, und sich darauf konzentriert, festzustellen, was diese Menschen eigentlich machen, dann kommt man zur Einsicht: Philosophie ist die persönliche Auseinandersetzung mit Ideen zum Zwecke der Einsicht.

Es geht um Ideen, das heißt, um Vorstellungen, und zwar um welche, mit denen man zu verstehen, sich zu orientieren, versucht. Es geht um die persönliche Auseinandersetzung mit diesen Ideen. Man liest, oder hört, man ruht und denkt nach. Es handelt sich um eine Tätigkeit, die man grundsätzlich nur allein betreiben kann. Miteinander können wir das nicht direkt betreiben, aber fördern, indem wir einen angemessenen Raum dafür schaffen.

In der Gesellschaft sollte diese Definition von Philosophie konsequent eingesetzt werden, weil sie Klarheit schafft und Ordnung bringen kann in der Öffentlichkeit, der Schule und der Universität. Sich auf einen inhaltlichen (philosophischen) Philosophiebegriff zu einigen, ist nicht nur unmöglich, sondern auch nicht wünschenswert, weil dies eine geistige Verarmung darstellen würde. Der hier vorgeschlagene formale Philosophiebegriff hingegen könnte meines Erachtens einheitlich in der Gesellschaft angenommen und eingesetzt werden. Jeder Einzelne darf Philosophie frei betreiben, und unter diesem Namen das tun — auch in der Öffentlichkeit —, was er für richtig hält. Die gesellschaftlichen Strukturen, darunter Schule und Universität, sollen sich aber nicht an bestimmten philosophischen Ansätzen binden, sondern allein den Raum für die Ideenentwicklung und den Ideenaustausch schaffen, den Raum, in dem jeder seinem eigenen Weg nachgehen kann.

Philosophie als Disziplin

Aus dem Philosophiebegriff, der Philosophie als persönliche Auseinandersetzung mit Ideen auffasst, folgt die Erkenntnis, dass es keine Philosophie betreibende Disziplin geben kann. Philosophie kann nur jeweils von einem Menschen betrieben werden, weil es um jeweils seine Ideen geht und man die eigenen Ideen als solche nicht mit anderen Menschen teilen kann. Die Wissenschaft denkt nicht, das ist kein Mangel, sondern entspricht ihrer Beschaffenheit. Das einzige, was die Wissenschaft für die Philosophie tun kann, ist dem Einzelnen Hilfsmittel und Informationen bereitzustellen, um ihm in seiner eigenen Ideenarbeit beizustehen. Das wird aber naturgemäß nie zu einem „Fach” führen, sondern je nach dem, worüber die Ideen jeweils handeln, wird es sich um diese oder jene Einzelwissenschaft handeln.

Deswegen ist die Philosophische Fakultät in der modernen Universität nie zu einem sinnvollen Fach geworden und herrscht da die größte Unordnung und Kopflosigkeit. Sie bildet keine Denker aus, sondern bloße Doxologen. Die moderne Universität zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein Großbetrieb ist, deren Agenten keine Elite mehr, sondern eine Legion meist mittelmäßiger Mitarbeiter sind. Wenn die Masse „selbst denken” will, so entsteht daraus bestenfalls eine Popkultur, in der Regel bloß pendelnde Modeerscheinungen.

Ein Vergleich der philosophischen Fakultät im 18. Jh. mit der heutigen zeigt, dass die gegenwärtige Philosophische Fakultät ein Überbleibsel der Vergangenheit ist und keine Daseinsberechtigung mehr hat. Die damaligen wissenschaftlichen Fächer sind durch pseudowissenschaftliche Fächer ersetzt worden. Denn die Einzelwissenschaften — von Mathematik und Logik über Physik bis Geographie, Anthropologie und Psychologie — haben inzwischen die philosophische Fakultät verlassen. Und das Bestreben nach Weisheit hat man in unserer geistlosen Zeit auch aufgegeben. Heute bildet man sich in der philosophischen Fakultät ein, man betreibe eine Wissenschaft. Nun, man mag als Wissenschaft auftreten wollen, doch — um es mit Kant auszudrücken — das Buch, das man vorzeigen und von dem man sagen kann: dies ist die Philosophie, dieses Buch sucht man nach wie vor vergebens.

Es gibt keinen Platz für eine wissenschaftliche Philosophie: Die Erkenntnisse über die Realität werden von Einzelwissenschaften erzielt; mit den grundlegenden wissenschaftlichen Theorien, die alle Einzelwissenschaften übergreifen, soll sich die zu gründende Organonwissenschaft beschäftigen; darüber hinaus gibt es nur die Ideenentwicklung, das ist aber eine freie kreative kulturelle Tätigkeit und grundsätzlich keine wissenschaftliche. Mit der Philosophischen Fakultät, so wie sie heute ist, lässt sich sinnvollerweise nur eins tun: sie aufzulösen.

Philosophie als Kulturgut

So wahr es ist, dass es keine philosophische Wissenschaft geben kann, so wahr ist es auch, dass es die kulturelle Realität der Philosophiegeschichte gibt. Es gibt in der Geschichte der Menschheit in vielen Kulturen Denker, die große Ideen hervorgebracht haben. Das ist ein Kulturgut ersten Ranges, das zu pflegen und getreu zu überliefern gilt. Es bedarf einer Philosophiewissenschaft, einer Kulturwissenschaft, deren Untersuchungsfeld die historisch hervorragenden persönlichen Ideen aller Kulturen und aller Zeiten ist. Sie soll nicht selbst philosophisch kreativ sein, sondern die bereits hervorgebrachte Philosophie freilegen. Ihr Zweck soll die wissenschaftliche Erschließung der philosophischen Werke sein. Ihre gesellschaftliche Wirkung wird sein, das Verständnis dieser Werke in der Gesellschaft zu verbreiten und vertiefen. Sie wird es auch ermöglichen, die von den Philosophen erhaschten Einsichten in Wissenschaft und Kultur einfließen zu lassen.

Die Philosophiewissenschaft wird zu einer Neuorganisierung des philosophischen Faches an den Universitäten führen, die bei der Anwendung die Identitätskrise dieses Faches zur vollen Zufriedenheit lösen, das Fach in der Universität sinnvoll integrieren und es überhaupt zu einer gesellschaftlich nützlichen wissenschaftlichen Institution werden lassen wird.

Die neue Philosophiewissenschaft

Wir plädieren für eine Philosophiewissenschaft, die ganz anders ist als die bisherige philosophische Disziplin. Es soll eine ernste Wissenschaft werden — d. h. eine weltweite gesellschaftliche Verflechtung von Institutionen, Kommunikationsmitteln, Publikationen, Wissenschaftlern etc., mit dem gemeinsamen Zweck, Wissen in einem abgesonderten Fachgebiet zu erarbeiten — deren Untersuchungsfeld die Philosophie ist. Philosophie wird hier aufgefasst als die Gesamtheit der philosophischen Werke — der Werke, die die Gesellschaft als philosophisch wertvoll anerkennt. Allein diese Werke fasst die Philosophiewissenschaft ins Auge — und nicht etwa das Leben oder das Ganze, noch weniger irgendein thematischer Teilbereich wie beispielsweise die Sprache, für die es ja andere Wissenschaften gibt oder geben kann. Sicherlich untersucht man seit jeher die philosophischen Werke für sich, doch immer tut man dies vermischt mit anderen Tätigkeiten und weder systematisch noch einheitlich. Von einer Wissenschaft kann da gar nicht die Rede sein; heute pflegt jeder Gärtner sein Gärtchen, sei es in Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen oder in einzelnen Werkausgaben, was zur Folge hat, dass es sehr wohl hie und da Fortschritte gibt, das Ganze jedoch nicht konsistent ist und daher nur eine winzige Auswirkung auf die Gesellschaft überhaupt hat. Das Neue in unserem Ansatz liegt nicht im Vorsatz, einzelne philosophische Werke zu untersuchen, sondern, eine Wissenschaft daraus zu machen, eine, die sich darauf beschränkt und keineswegs selbst Philosophie hervorzubringen versucht, eine durch weltweite Zusammenarbeit ausgezeichnete, die klare gemeinsame Ziele hat, streng wissenschaftlich vorgeht und objektive Ergebnisse anstrebt. Die Philosophiewissenschaft kümmern nicht die persönlichen Überzeugungen der Wissenschaftler. Ihr als Institution liegt nicht daran, tiefsinnige — also stark kulturbedingte — Einsichten zu erringen, sondern, ihre Resultate wissenschaftlich, möglichst kulturunabhängig zu sichern, auch wenn dies dazu führt, dass man scheinbar nur langsam vorankommt und die Befunde scheinbar nur oberflächlich sind. Ihr Ziel — vielleicht bescheiden aber dafür fest — ist es, über die philosophischen Werke objektives Wissen zu gewinnen, das der internationalen Gemeinschaft überhaupt zugute kommen soll.

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Letzte Änderung am 02.04.11

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