Einheit der Wissenschaft
Von Francesc Hervada-Sala.
Der alte Menschheitstraum der Einheit aller Wissenschaften konnte sich bisher nicht verwirklichen. Die Suche nach der Einheit ist in der Ausführung mangelhaft gewesen. Häufig hat man geglaubt, die Einheit der Wissenschaften kann hergestellt werden, indem man neben den bereits existierenden Disziplinen neue Brückendisziplinen entwickelt. Das halte ich für aussichtslos. Unter den Wissenschaften wird man nur dann eine richtige Einheit herstellen können, wenn man sie alle von Grund auf erneuert. So wohnen die heutige Physik und die heutige Geschichte in parallelen Welten, und wir werden sie nur dann in einem konsistenten Ganzen integrieren können, wenn wir beide gründlich erneuern. Voraussetzung für die Einheit der Wissenschaften ist der völlige Umbau jeder Einzelwissenschaft auf der Basis gemeinsamer Grundlagen. Wenn die Einheit der Wissenschaften einmal erreicht wird, so wird das ganze Wissen anders aussehen als heute, die Physik und die Geschichte werden ganz anders als die gegenwärtigen sein und sie werden zueinander und zum Ganzen passen.
Auch kommen mir die bisherigen Ansätze insofern zu kurz, als man die Einzeldisziplinen als getrennte Wissenseinheiten auffasst, und dann sich bemüht, Verknüpfungen zwischen ihnen herzustellen. Ich hingegen plädiere dafür, die Ergebnisse aller Disziplinen in das einheitliche wissenschaftliche Korpus zu integrieren. Auf dieser Weise hat die praktische Notwendigkeit, die wissenschaftliche Arbeit in verschiedenen unabhängigen Organisationen zu betreiben, nicht zur Folge, dass das Ergebnis auch in getrennten Wissensbereichen zerteilt ist. Indem wir die Wissenschaftler vom Wissen grundsätzlich trennen, vermeiden wir von Grund auf jegliche Parzellierung des Wissens.
Auch nicht einverstanden bin ich mit der Auffassung, die Einheit der Wissenschaften sei ein bloßer Wunsch, den man heute nicht selbst als wissenschaftlich einstufen kann, den man nicht rational begründen, sondern nur daran glauben kann. Meine Theorie stellt klar, dass die Wissenschaft definitionsgemäß die Einheit anstrebt. Aus dem Begriff der Wissenschaft als gesichertes Wissen ergibt sich rein logisch der Begriff des einheitlichen, stofflichen, formalen wissenschaftlichen Korpus und daraus zwangsläufig die Einsicht, das wissenschaftliche Wissen strebe nach Einheit. Wenn man überhaupt Wissenschaft betreibt, dann muss man die Einheit alles Wissens anstreben. Sonst betreibt man die Wissenschaft nicht allen Ernstes und wird auch nicht alles von ihr erhalten, was sie geben kann.
Die Einheit der Wissenschaften wird nur erreicht werden, wenn man das aktuelle Problem der Parzellierung des Wissens löst und den Graben zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften schließt.
Die Parzellierung des Wissens
Die Parzellierung des Wissens, unter der man heute leidet, ist keine unerlässliche Folge der Spezialisierung in den Wissenschaften, wie man häufig annimmt. Sie hat eine Lösung, nicht etwa wie die Interdisziplinarität, die immer Stückwerk bleiben muss, sondern eine logisch vollkommene Lösung. Diese lautet: das materielle, formale und einheitliche wissenschaftliche Korpus.
Das jetzige wissenschaftliche Korpus, das kaum verstofflicht, nur ansatzweise formal und überhaupt nicht einheitlich ist, verbindet unzertrennlich bestimmte Wissenschaftszweige, ja einzelne Wissenschaftler-Teams mit bestimmten Theorien und Erkenntnissen. Es gibt Erkenntnisse, die nur ganz wenigen Wissenschaftlern, die sich damit Jahrzehntelang eingehend — und ausschließlich — befasst haben, zugänglich sind.
Wenn man über ein vollständig materialisiertes wissenschaftliches Korpus verfügt, werden jedem alle Erkenntnisse zur Verfügung stehen. Wenn das Wissen in einheitlicher formaler Sprache spezifiziert wird, kann man jede Theorie überall einsetzen, ohne die hochspezialisierte Auslegung, die sie hervorgebracht hat, nachvollziehen zu müssen. Wenn alles Wissen in einem konsistenten System integriert wird, bleibt nicht jede Theorie wie heute auf ihren Entstehungs-Zusammenhang beschränkt, sondern findet sie in jedem anderen erdenklichen Zusammenhang Anwendung, und somit auch Widerspruch oder Bestätigung.
Wenn man den wissenschaftlichen Betrieb als die Arbeit von verschiedenen unabhängigen Disziplinen an einem einzigen Korpus auffasst, dann wird jede Stelle des Korpus von vielen verschiedenen Teams mit vielen verschiedenen Absichten und Hintergründen ausgewertet, beurteilt und verbessert.
Mit einer solchen Arbeitsweise lösen sich die Grenzbereiche, die jede Disziplin grundsätzlich haben muss, völlig auf. Es gibt keine Grenzen mehr innerhalb des Wissens, denn die Bereiche, wo für eine Disziplin eine Grenze verläuft, stehen wiederum im Zentrum anderer Disziplinen.
In einer Korpus-orientierten Wissenschaft gibt es also überhaupt keine Parzellierung des Wissens, weil das Korpus immer das eine bleibt, trotz immer wachsender Anzahl von Zwecken und Gesichtspunkten, unter denen jeder einzige Satz untersucht wird.
Natur- und Geisteswissenschaften
Es ist ein großer Irrtum, die Natur- und die Geisteswissenschaften für zwei grundsätzlich verschiedene Angelegenheiten zu halten. Man glaubt zu erkennen, dass die Natur oder die Materie etwas Grundverschiedenes vom Geist oder der Geschichte ist, und glaubt deshalb zum Schluss kommen zu können, dass die erste eine strenge, systematische Wissenschaft zulässt, während die zweite nur intuitiv und kreativ zu betreiben ist.
Sicher kann man sich mit den Erkenntnissen auf zweierlei Weise beschäftigen: formal-theoretisch und sinnhaft-ideenmäßig. Doch es ist ein großer Irrtum, das Formale den Natur- und das Sinnmäßige den Geisteswissenschaften zuzuschreiben. Es ist vielmehr so, dass das Formale der Wissenschaft überhaupt und das Sinnmäßige der Kultur überhaupt zuzuweisen ist.
Ernste Wissenschaft lässt sich nur formal-theoretisch betreiben. Denn nur die Form teilen alle Menschen, nur die strukturelle Arbeit führt zu einem Kultur- und Jahrhundertübergreifenden Wissen. Das betrifft Natur- wie Geisteswissenschaft. Auf der anderen Seite muss nicht alles, was der Mensch macht, auch wissenschaftlich sein. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen interpretiert werden, das ist kulturell von der allergrößten Bedeutung. Das betrifft auch Geistes- wie Naturwissenschaft. Wir sind heute im Irrtum befangen, zu meinen, dass die Naturwissenschaft keiner Interpretation bedarf. Was wir damit erreichen, ist jedoch nichts anderes, als mit einer schlechten Interpretation derer auskommen zu müssen.
Sowohl Natur- wie Geisteswissenschaften sind formal-theoretisch — oder sie haben das Stadium der Wissenschaft noch nicht erreicht. Kulturell müssen sowohl die Ergebnisse der Natur- wie die der Geisteswissenschaften, und zwar auch zusammen als Ganzes, interpretiert werden. Wo das Formal-Theoretische, in Natur- wie in Geisteswissenschaften, fehlt, ist die Wissenschaft schwach. Wo das Deutende, in Natur- wie in Geisteswissenschaften, fehlt, ist die Kultur arm.
Wissenschaftliche Monokultur
Die Einheit der Wissenschaften ist nicht gleichzusetzen mit der wissenschaftlichen Monokultur.
Die gegenwärtige Wissenschaft leidet bereits unter kultureller Armut innerhalb bestimmter Fachbereiche: Einige Disziplinen gehen mit einem Menschenschlag einher, alle, die sie betreiben, teilen Vorurteile und Wünsche, manchmal gar politische Ausrichtung. Die Phantasie ist innerhalb manchen Disziplinen so uniform, dass man sie von den Fachkenntnissen nicht mehr trennen kann. Angesichts der aktuellen Lage können Bemühungen für die Einheit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften wie eine Bedrohung wirken: Sollen wir denn nicht nur Inselkulturen rund um Einzeldisziplinen, sondern sogar eine einzige Ideologie für die ganze Wissenschaft haben? Sollen jetzt der Archäologe, der Astronom und der Literaturwissenschaftler denn mit denselben Kategorien ihre Arbeit verrichten? Sollen jetzt die Handlungen Cäsars mit denselben Augen wie die Kernfusion gesehen werden? Nein! Dass einige Disziplinen ideologisch befangen sind, ist schon schlimm. Wäre die ganze Wissenschaft zu einer einzigen Monokultur geworden, so wäre dies die reinste Katastrophe.
Die Monokultur ist keine notwendige Folge der Wissenschaft, sondern entsteht aus einem Missverständnis, aus der Fehleinschätzung nämlich, die Wissenschaft kann die persönlichen Einsichten bestätigen. Das kann sie aber nicht. Das, was wir miteinander sichern können, ist nie eine Vorstellung, sondern allein Sätze, keine Anschauungen, sondern Formulierungen. Wenn man von den hiesigen Begriffen von Text und Idee ausgeht, ist es sofort ersichtlich, dass nur Texte das Geschäft der Wissenschaft sind und dass die Ideen völlig außen vor zu lassen sind. Die Wissenschaft ist keine „Suche nach der Wahrheit”. Die Wissenschaft kann von Menschen benutzt werden, die nach der Wahrheit suchen, und kann da eine unersetzliche Quelle von Informationen und eine unbestechliche kritische Instanz sein. Viele Menschen aber können aus vielen Perspektiven, mit verschiedenen kulturellen Hintergründen, verschiedenen Zwecken und verschiedenen Träumen nach der Wahrheit suchen. Das ist Kultur, und diese ist desto besser, je vielfältiger sie ist. Die rationale Kritik und die systematische Sammlung von gesicherten Erkenntnissen will von Natur aus universal sein. Das ist Wissenschaft, und diese ist umso besser, je einheitlicher sie ist.
Der Weg zur Einheit
Die Einheit aller Wissenschaften lässt sich durch ein stoffliches, formales, einheitliches wissenschaftliches Korpus verwirklichen. Wohlgemerkt ist hier weder von der gesellschaftlichen Organisation Wissenschaft noch von wissenschaftlichen Ideen die Rede. Dass die Wissenschaftler sich nach Disziplinen gruppieren, womit sie neben Erkenntnissen auch Mentalität, Visionen und Irrtümer miteinander teilen, ist nützlich und soll so bleiben, es soll auch keine Grunddisziplin geben, auf der alle anderen basieren. Nur sollen diese Einzeldisziplinen als praktische Mittel angesehen werden, durch die sich der wissenschaftliche Betrieb organisiert, und von den von ihnen erzielten Erkenntnissen sauber getrennt werden. Diese Ergebnisse sollen in das wissenschaftliche Korpus einfließen, und zwar alle Ergebnisse von allen Disziplinen in ein und dasselbe Korpus. Dadurch wird erstmal die bloß formale Einheit der Wissenschaften erreicht. Die inhaltliche Einheit kann dann nach und nach vertieft werden, indem eine wissenschaftliche Arbeit über das Korpus verrichtet wird, die anfangs getrennt liegende Korpusbereiche miteinander verknüpft. Es handelt sich um die organonische Arbeit der begrifflichen und textstrukturellen Rationalisierung, einen fortwährenden Prozess ohne ein endgültiges Ende.