Das Organon
Von Francesc Hervada-Sala.
Ein Organon ist dringend notwendig, um die intellektuelle Arbeit der Menschheit zu organisieren und deren Produktion zu urbanisieren. Ausgehend von dem richtigen Textbegriff ist dies auch möglich.
Skalierbares Denken
Wir sind deshalb mit den gegenwärtigen Problemen überfordert, weil unsere intellektuellen Mittel nicht mit den Herausforderungen mit gewachsen sind. Viele große Herausforderungen in allen Bereichen des Zusammenlebens wurden durch die Explosion der Weltbevölkerung verursacht. Vor zweihundert Jahren lebten insgesamt einige hunderte Millionen Menschen in mehreren kleinen abgegrenzten Gesellschaften. Inzwischen wohnen ein halbes Dutzend Milliarden Menschen in dem gemeinsamen globalen Dorf.
Unsere Fähigkeit zur Diskussion und Gruppenbildung kann eine relativ gesunde Demokratie in einem mittelgroßen Staat zustande bringen, scheitert aber kläglich auf weltweiter Ebene, wo noch immer Kommunikationsschwierigkeiten den Umgang miteinander bestimmen und das bloße Gesetz des Stärkeren regiert.
Auch die Wissenschaft ist außer Kontrolle geraten. Der Vorrang der Prosa, die in begrenzten Bereichen in mathematische Sprache übergeht, die Diskussion und Verbreitung von Ideen und Theorien mit Artikeln in Zeitschriften, die Herausgabe von Handbüchern in privaten Verlagen, entsprechen dem Stand der Wissenschaft etwa im frühen neunzehnten Jahrhundert, einer Zeit mit einer recht überschaubaren Anzahl an wissenschaftlichen Agenten und Erkenntnissen. Diese Infrastruktur ist aber für die Gegenwart überhaupt nicht angemessen, da die Anzahl der beteiligten Universitäten, Verlage, Wissenschaftler und Publikationen ins Unermessliche gestiegen ist.
Nähert sich man irgend einem von den Weltproblemen, so steht man macht- und hilflos vor seiner überragenden Gestalt. So wie man an einer Werft ein in Konstruktion befindliches Kreuzfahrtschiff bewundern, von seiner übermenschlichen Größe und der Härte seines Stahls beeindruckt werden kann, so klein fühlt man sich auch vor jedem Problem der Gegenwart, ganz zu schweigen vom Gefühl der Ohnmacht, das die Betrachtung des Gesamtbilds hervorruft.
Doch die größten Kreuzfahrtschiffe werden auch nur von Menschen gemacht, die selbst nicht größer sind als die anderen. Eins vor allem ermöglicht solche Konstruktionen: die Abbildung nach Maßstab. Der Ingenieur kann einen Entwurf in einer ihm selbst angemessenen Größe bearbeiten. Er kann das Ganze überblicken und so ein konsistentes Ganzes hervorbringen. Das größte Manko der intellektuellen Arbeit der Gegenwart ist ihr Mangel an Skalierbarkeit. Wir können uns in den Details vertiefen, das Ganze jedoch nicht in menschlich gerechtem Maßstab darstellen. Jeder steht nur als kleiner Mensch vor dem großen Schiff und nie als geschulter Ingenieur vor einem bloßen Blatt Papier, das es maßstabsgetreu darstellt. Das skalierbare Denken tut uns dringend not.
Urbanisierung des Intellekts
Urbanisierung ist eine Errungenschaft und eine Voraussetzung der Zivilisation. Der Mensch kann ohne gepflasterte Straßen, ohne Kanalisation und ohne Stromnetz auch leben, hat er auch lange Zeit durch gemacht. Nur können so kleinere Gruppen von Menschen zusammen leben. Städte brauchen unbedingt Straßen und Kanalisation, ohne diese können sie nicht wachsen und führen zu unerträglichem Chaos. Die intellektuelle Arbeit befindet sich gegenwärtig noch immer in dem spontanen, rohen Zustand. Jeder denkt für sich so gut er kann, es gibt Gewohnheit und Tradition aber keine ingenieurmäßig gebaute Infrastruktur dafür. Der Einzelne bewegt sich im Laufe seines ganzen Lebens in einem sehr begrenzten intellektuellen Bereich, die Nachbarorte sind einem nur vom Hörensagen bekannt, von den entfernteren Weltgegenden hat man nur ausgefallene Vorstellungen. Wenn man es unbedingt will, kann man zwar auch reisen, denn zwei Beine hat man schon, nur muss man lange Zeit laufen, und wenn man weit genug gegangen ist, muss man noch mehr Zeit investieren, um eine von der eigenen völlig getrennt entwickelten Sprache zu erlernen und sich in komplett andersartigen Umgangsformen zurecht zu finden. Heute kann man sich sicherlich auch mit der „Physik” vertraut machen, man muss nur viel Zeit und Energie dafür investieren und in eine sehr ausgeprägte Gedankenwelt eintauchen. Einige Jahre später kann man sich gewiss auch mit „Soziologie” befassen, man muss dann wieder Tausende von Seiten lesen und sich in ein kollektives Gespräch vertiefen. So kann man sich wie Bouvard et Pécuchet in der Welt umsehen. Man wird aber im Laufe eines Menschenlebens nicht sehr weit kommen, und vor allem wird man mit einer Sammlung von verschiedenen Ansätzen enden, die man überhaupt nicht integrieren kann, weil sie sich jeweils völlig abgeschottet entwickelt haben und in den Grundlagen miteinander inkompatibel sind.
Der fundamentale Textbegriff
Das Wort Text ist seit vielen Jahrhunderten in Umlauf, darunter verbergen sich eine Vielzahl von Begriffen mit unterschiedlichen Graden von Mehrdeutigkeit und Allgemeinheit. Üblicherweise fasst man den Text als eine mündliche oder schriftliche Produktion der menschlichen Sprache auf, wenn es aber darum geht, sie technisch umzusetzen, beschränkt man sich auf Schriftlichkeit und reduziert den Text auf eine Reihe von Buchstaben, die beweglichen Letter im Druck seit Gutenberg und die Zeichenketten in den heutigen Computersystemen. Wir möchten einen Textbegriff einführen, der eine Verallgemeinerung der bisherigen Begriffe ist. Wir definieren den Text in einem mündlichen Ausdruck als die logische Struktur, die jeder, der die entsprechende Sprachkompetenz mitbringt, erfasst, wenn er den Ausdruck hört. Seit der Antike kennt man die sogenannte syntaktische Analyse: sie besteht darin, den logischen Bau der Sätze herauszufinden. Das ist also der Text in einem sprachlichen Ausdruck, wohlgemerkt unabhängig davon, wie sich dieser Ausdruck verstofflicht hat — unabhängig davon, auf welcher materiellen Unterlage er gedruckt oder durch welche Medien er übertragen wird. Aber die Textbasiertheit der Sprache beschränkt sich nicht auf die syntaktische Struktur, sondern auch die Semantik lässt sich in Form eines Textes analysieren, wie die Algebra seit langem und die symbolische Logik seit dem neunzehnten Jahrhundert gezeigt haben. Auch die Computer reduzieren sprachliche Produktionen auf Text, in diesem Fall führt ein sogenannter Compiler eine syntaktische und lexikalische Analyse vom Quellcode, einem Ausdruck in einer Programmiersprache, durch. Computer reduzieren aber nicht nur Sprache, sondern auch andere Phänomene auf Text, wie Bilder und Musik, darin besteht die sogenannte Digitalisierung. Wir schlagen eine Textstruktur vor, die auf einer einzigen, schlichten algebraischen Formel basiert, und die all dieses ausdrücken kann: sowohl die syntaktische wie die semantische Analyse der Sprache, die logischen und mathematischen Ausdrücke und die Software. Dieser Textbegriff stellt die gemeinsame Grundlage all dieser verschiedenen Phänomene heraus und eröffnet ganz neue Möglichkeiten.
Das Organon
Wir schlagen eine neue Wissenschaft vor, die wir das Organon nennen. Das Organon wird alle Bereiche der intellektuellen Tätigkeit untersuchen. Sein Objekt ist ein Vielfaches: die Wissenschaft selbst, das Recht, die Technik, die Organisation aller menschlichen Gruppen, von kleinen Teams bis zu den Vereinten Nationen. Das Organon untersucht die Fundamente der intellektuellen Arbeit als solche, unabhängig vom Gegenstand, was nicht nur die Methodologie betrifft, sondern auch die produzierten Ergebnisse. Das Organon ist deshalb möglich und sinnvoll, weil die Grundlage aller intellektuellen Arbeit vom Thema abgesehen die Beschäftigung mit Text ist.
Das Organon wird, wenn er eingeführt wird, vor allem eins erringen: Integration. Indem alle intellektuelle Arbeit als Arbeit an Texten aufgefasst wird, werden verschiedene Aktivitäten vergleichbar und ihre Ergebnisse integrierbar. Die Mittel zur Textverarbeitung können für sich ausgereift und überall eingesetzt werden. Damit nimmt nicht nur die Rationalität in allen Bereichen zu, sondern entsteht auch das Bewusstsein für die Realität dessen, was man hervorbringt, unabhängig von unseren Vorstellungen und Werturteile darüber. Das bricht die sonst unentrinnbare Subjektivität und Kulturabhängigkeit aller intellektuellen Arbeit und die damit zwangsläufig verbundene Trennung der Arbeitsbereiche nicht aus sachlichen, sondern aus menschlichen Gründen. Heute kommen wir aus der Vielzahl armseliger Hütten für die wenigen nicht heraus, mit dem Organon werden wir eine prächtige Stadt für alle bauen können. Heute weiß der eine dieses und der andere jenes, keiner kommt aber aus den eigenen Einsichten und Irrtümern heraus. Mit dem Organon werden Errungenschaften wie die phänomenologische Grundlagenforschung, die Entdeckungen der Soziologie, die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft oder die philosophische Kritik und Intuition allen Wissenschaften zugutekommen und sich nicht mehr in fruchtlosem Selbstbezug verzehren. Mit dem Organon wird die kollektive Intelligenz der Menschheit von einer gestaltlosen, sich nur peripherisch vermehrenden Masse zu einem mit Wirbelsäule versehenen, des balancierten Wachstums fähigen Organismus.
Titelkupfer zu Francis Bacon, Novum Organum, 1620
Das von Francis Bacon gewählte Sinnbild des Organons als Schiff, das zum Horizont ausgerichtet ist, gilt auch für das hiesige Organon. Das Organon ist das Werkzeug, durch das die Menschheit die Säulen des Herkules, das Ende der bekannten Welt, überholt und zu neuen Ufern ausbricht. Das Organon ist der von Menschen konstruierte Apparat, der uns befähigt, die Ohnmacht des Einzelnen zu überwinden und in Zusammenarbeit Unerhörtes zu leisten, die Grenzen, die uns bisher einsperren, hinter uns zu lassen und ungeahnte neue Gebiete zu erschließen. Durch das Organon werden wir auf dem Ozean der Möglichkeiten vieles erleben und erringen.