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Willkommen auf der Homepage von Francesc Hervada-Sala.

Bedarf an gutem Design

Geschrieben am 22.03.14

Mit der zunehmenden Digitalisierung der Welt wächst der Bedarf an Rationalisierung. Aus der Einsicht, dass Digitalisierung eine Vertextung und Rationalisierung ein Vertextungsideal sind, lässt sich dieser Bedarf leicht begründen. Die Ideale und Mittel, die einst für die Programmierung entwickelt wurden, können und sollen nun auf andere Gebiete angewendet werden. Dass es besser für ein System ist, aus kleinen, orthogonalen Komponenten, die sich gut kombinieren lassen, zu bestehen, gilt heute auch für elektronische Geräte und Dienstleistungen. Im Handumdrehen kommt man heute im Wohnzimmer zu unschöner Redundanz mit Fernsehgeräten, Set-Top-Boxen, AV-Receivern und gar Lautsprechern, deren Funktionen sich überdecken. Internet-Unternehmen bieten auch überlappende Dienste an. Beispiel: Sowohl ein "Versandhaus" wie Amazon als auch eine "Suchmaschine" wie Google stellen elektronische Geräte her. Für dieses Phänomen prägte man in der Softwareentwicklung den Begriff "creeping featurism". Denkarbeit soll geleistet werden, um in allen Feldern die sinnvollen Komponenten zu isolieren und universelle Schnittstellen zu definieren.

Gegenwart und Zukunft der Wissenschaft

Geschrieben am 14.02.14

Die Wissenschaft ignoriert nach wie vor die Philosophie. Damit meine ich: Die großen Einsichten der Philosophiegeschichte wirken sich nicht auf die Wissenschaft aus. Und doch sind viele dieser Ideen richtig und wichtig und betreffen unmittelbar die Wissenschaft. Ich stelle die These auf: Entweder bringen wir das philosophische Erbe in die Wissenschaft, womit diese gerettet ist, oder wir bringen sie nicht bis dahin, dann ist das wissenschaftliche Unternehmen aussichtlos. Denn die Wissenschaft ist heute, als Ganzes gesehen, kopflos.

Wenn ein einzelner Mensch das vollständige wissenschaftliche Wissen erkennen könnte, würde sich die Wissenschaft enorm dadurch verbessern, dass er die verschiedenen Aussagen in Verbindung brächte, eine gemeinsame Sprache entwickelte, mit der er alles Wissen ausdrückte, die Widersprüche analysierte und sie durch Vertiefung in den Grundlagen löste, Proportion in der aktuellen Forschung etablieren ließe und sie nicht mehr äußerlichen (kommerziellen, technischen) Begebenheiten, sondern dem Dienste der Menschheit unterordnete. Nur ist die Wissenschaft längst so weit ausgedehnt, dass ein einzelner Mensch sie nicht aufnehmen kann. Deshalb ist ein Organon nötig, um denselben Effekt zu erzielen. Durch Integration allen Wissens in ein einheitliches wissenschaftliches Korpus wird man eine gemeinsame Sprache entwickeln, die Widersprüche lösen, die Grundlagen vertiefen und die Mittel sinnvoller verteilen können.

Der wissenschaftliche Weg

Geschrieben am 11.02.14

Wir plädieren für den Aufbau eines formalen, allumfassenden wissenschaftlichen Korpus, und zwar aus ganz unspektakulären Gründen. Wir empfinden es nur als selbstverständlich, dass die Wissenschaft ihre Ergebnisse veröffentlichen soll, und dass die Aussagen so formal wie nur möglich sein sollen. Denn der Wissenschaft geht es um gesichertes Wissen, und sichern lässt sich allein ein Wissen, das in kontrastierbarer Form vorliegt. Außerdem muss das ganze Wissen in ein zusammenhängendes Ganzes integriert werden, denn die Konsistenz der Aussage trägt auch zu ihrer Sicherheit bei. Aber warum soll die Wissenschaft Wissen sammeln, strukturieren und prüfen? Dem Ansatz liegt anders als üblicherweise angenommen keine metaphysische Auffassung zugrunde. Die Wissenschaft soll diesen Weg gehen, weil dieser Weg für den Menschen gangbar ist und Früchte trägt, also muss er konsequent gegangen werden, damit er das hergibt, was er hergeben kann. Er ist nicht der einzige Weg, der gegangen werden muss, und er wird nicht alles erbringen, was der Mensch braucht und wünscht. Sicherlich hat der Mensch eine Wissenschaft nicht nötig, um zu leben. Aber, wenn wir eine Wissenschaft haben wollen, dann müssen wir sie richtig betreiben.

Umgang mit Ideen

Geschrieben am 01.11.13

Der Umgang mit Ideen muss reformiert werden. Denn der Welt mangelt es nicht so sehr an Ideen, sondern vielmehr an ihrer Verwirklichung. Vom persönlichen Ideenaustausch über Innovationen in einzelnen Fach- und Sachbereichen bis hin zu den philosophischen Ideen, überall wimmelt es nur so von Ideen. Nur führen diese ein fades Dasein, sie schaffen es aus dem Ursprungsort kaum hinaus, sie haben keine Chance zum Ausreifen, weil sie durch Unverständnis mundtot gemacht werden, bevor sie weiter kommen. Die Welt hat in der Gegenwart viele große Probleme, aber dieses ist das wichtigste und dringendste. Denn die Lösung wird grundlegende Verbesserungen in allen anderen Fronten zeitigen. Wenn wir aber dieses nicht verbessern, so werden wir bald in Kopflosigkeit und Komplexität ersticken.

Nutzen und Nachteil der Systeme

Geschrieben am 15.08.13

In der Gesellschaft sind Systeme nötig aber auch ein Hindernis, wenn sie überholungsbedürftig geworden sind. Über den grundlegenden Bahnen breitet sich allmählich ein träges System aus, das jede Veränderung der Bahnen verhindert. Die Erneuerung der Systeme ist aber von der größten Wichtigkeit. Zum einen lernt man aus der Erfahrung und kann neue Systeme entwickeln, die die alten überholen. Zum anderen ändern sich die Umstände und die Systeme müssen angepasst werden. Wichtig wäre, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Systeme immer von Menschen aufgebaut wurden und immer auch von Menschen ersetzt und verbessert werden können.

Erneuerung der Wissenschaft

Geschrieben am 24.11.12

Die Wissenschaft muss zu neuer Reife gebracht werden. Aus der Vereinigung aller Einzelwissenschaften soll eine strukturierte, einheitliche, allumfassende Wissenschaft entstehen. Dabei sollen die wissenschaftlichen Ergebnisse integriert werden, nicht aber die einzelnen Disziplinen, die in der jeweiligen Eigenart zu verstärken und freier zu betreiben sind.

Vielfach sind die Probleme der gegenwärtigen Wissenschaft. Immer zahlreichere und immer kleinere Fachgebiete, immer zahlreichere und immer spezialisiertere Fachleute. Die Unmenge an Einzelerkenntnissen wächst, im Umkehrschluss wird der Einzelne immer insignifikanter. Aus lauter Überfülle überschauen die Fachleute nicht einmal die Literatur des eigenen Forschungsbereiches, geschweige denn die gesamte Disziplin — die Wissenschaft im Ganzen zu überblicken, ja nur der Gedanke davon zu hegen, wagt schon lange kein Wissenschaftler mehr. Die Einstiegshürde vor jedem Fachbereich wird immer höher. Die nötige Ausbildung nimmt mehr und mehr Zeit und Energie in Anspruch, das beschränkt sukzessive die Anzahl der kompetenten Menschen, beengt aber auch deren Mentalität und isoliert sie vom Rest der Forschung. Die Disziplinen werden dadurch heterogener, dass jede den zufällig anfangs eingeschlagenen Weg nur weiterverfolgt, ohne sich mit den Nachbarn auszutauschen. Die älteren Disziplinen sind in überkommenen überladenen Theorien festgefahren, die nur punktuell ergänzt und weiter verwickelt und nie grundsätzlich in Frage gestellt werden. Für einen frischen neuen Ansatz gibt es keine Chance.

Ein Organon muss her, eine neuartige wissenschaftliche Disziplin, die einen Diskurs über die Wissenschaft selbst aufbaut und damit das Selbstbewusstsein der Wissenschaft verkörpert. Rein äußerlich gesehen hat das Organon die Aufgabe, die Erkenntnisse aller Einzelwissenschaften zu sammeln, zu integrieren und zu prüfen. Das wissenschaftliche Wissen soll urbanisiert werden, damit werden das Zirkulieren über Fachgrenzen hinweg, das inhaltliche Vergleichen der Disziplinen und der gut fundierte interdisziplinäre Dialog in der gesamten Breite der Wissenschaft erst möglich werden.

Das System aller wissenschaftlichen Erkenntnisse muss aufgebaut werden. Es wird kein durch einen Verlag veröffentlichtes Handbuch sein, sondern eine elektronische Veröffentlichung mit der Form eines offenen, dynamischen, durch wissenschaftliche Institutionen herausgebrachten, dem Web ähnlichen Netzwerkes. Die Verweise zwischen den Erkenntnissen sollen genauso wie ihre praktischen Konsequenzen explizit erfasst werden. Der Sicherheitsgrad einer jeden Aussage soll formell sanktioniert und festgehalten werden. Ein solches System wird nicht nur das wissenschaftliche Wissen viel robuster und grundlegender gestalten, es wird vielmehr das Betreiben der Wissenschaft von den systematischen Aspekten befreien. Der einzelne Wissenschaftler wird die Last der wissenschaftlichen Methode los werden, wenn er zum System mit etwas beitragen kann, das andere bewerten, integrieren, oder zum Anstoß für weitere Ansätze nehmen werden. Der Raum und die Sensibilität für neue Ideen in der Wissenschaft werden wachsen. Mit dem Organon wird nicht nur die Wissenschaft systematischer, sondern auch die wissenschaftliche Arbeit leichtfüßiger werden. Die Wissenschaft wird daraus erneut hervorgehen, sie wird reifer, tiefgründiger und weit flinker werden.

Nennen wir es Text

Geschrieben am 20.11.12

Wozu viele Worte benutzen, wenn man mit einem einzigen auch zurechtkommt? λόγος, Vernunft, Mathematik, Algorithmus? Nennen wir es Text. Vom Mythos zum λόγος ging man über, als man anfing, sachliche Sätze zur Beschreibung der Welt einzusetzen, diese formal auszulegen und größere konsistente Teile des Diskurses zusammenzuballen, als man also anfing, den der Rede unterliegenden Text als solchen zu pflegen und vom sinnhaften Erlebnis des Gesagten Abstand zu nehmen. Vernunft nennt man die Anlage des Menschen, Gedanken und Taten unter Regeln zu subsumieren und durch solche zu strukturieren, d. h. textgesteuert zu denken und zu agieren. Mathematik nennt man das Studium der rationalen Strukturen oder, anders ausgedrückt, das Studium der Textformen. Ein Algorithmus ist eine logische Prozedur, die zu einem gewünschten Ergebnis führt, also eine textuelle Anweisung.

Den Text unter all dem herauszustellen, wirkt sich zunächst erhellend aus, da man damit weniger Grundpfeiler benötigt und dabei mehr zu erklären vermag. Ferner aber ergibt sich daraus ein Vorhaben, das Bestreben nämlich, den Text algebraisch zu erfassen, jede intellektuelle Tätigkeit durch ihn durchziehen zu lassen und sie alle in ein einheitliches Textkorpus zu integrieren. Denn eins kann man schon ahnen: Wenn der lokale Einsatz des Textes historisch bereits so viel Nutzen gebracht hat, so wird seine allgemeine, tiefgründige, integrierte Anwendung zu neuen Ufern der Wohlordnung führen.

Denke man beispielsweise an die Naturwissenschaft und an ihre Fortschritte in der modernen Zeit. Nicht die bloße Sammlung aller Erkenntnisse, wie sie sich im Mittelalter etablierte, brachte den Durchbruch, sondern die analytische Fähigkeit, die physikalische Welt algebraisch zu erfassen, zusammen mit der kritischen Fähigkeit des Experiments, auf deren Grundlage gut fundierte synthetische Theorien wie das Newtonsche Gravitationsgesetzt und die Einsteinsche Relativitätstheorie wuchsen. Nur ist die Physik inzwischen wieder auf dem Holzweg, diesmal nicht aufgrund eines zu hoch in den Himmel, sondern zu tief in die Erde gerichteten Blickes. Denn so unfruchtbar ist die weltabgewandte, unbegründete Synthese wie die kurzsichtige, kopflose Analyse. Nur eine Dialektik von Zergliederung und Integration — nur ein ständiges Zusammenspiel zwischen der erfahrenen Welt und dem sie beschreibenden Text — bringt die Wissenschaft voran.

Mängel der Wissenschaft

Geschrieben am 15.11.12

Die Wissenschaft geht heute von einem extrem naiven und völlig falschen Selbstverständnis aus, als brächte die wissenschaftliche Arbeit kumulatives Wissen hervor. Trotz einiger theoretischer Ansätze, die dieses Bild zu korrigieren versuchen — so etwa bei Thomas Kuhn —, prägt die verkehrte Auffassung die meisten Köpfe und alle wissenschaftlichen Strukturen der Gegenwart.

Statt sich in den vielen einzelnen Erkenntnissen zu verlieren, sollte man den Blick auf die Gesamtheit des wissenschaftlichen Wissens richten. Es ist das gesamte wissenschaftliche Korpus und nicht isolierte Erkenntnisse, was hält oder fällt. Ein neuer Fund muss erst in das Korpus aufgenommen werden, bevor er als richtig anerkannt werden kann. Die Anerkennung muss immer vorläufig bleiben. Dass heute immer jeweils nur von einzelnen Aussagen die Rede ist und man ohne es zu thematisieren so tut, als sie zeitlos wahr wären, zeigt nur, wie weit wir uns von der Wahrheit entfernt haben. Das Vorhaben, alle Einzelerkenntnisse in das Korpus zu integrieren, ja der bloße Begriff des Korpus selbst überfordert die gegenwärtige wissenschaftliche Vorstellungskraft.

Mit der wissenschaftsinternen Integrationsarbeit ist jedoch nicht alles getan. Denn vom Wesen her kann die Wissenschaft gar kein Wissen, sondern nur Erkenntnisse hervorbringen, wenn man zum Wissen auch Orientierung und Sinngehalt zählt und unter Erkenntnissen bloße Aussagesätze versteht. In Anlehnung an Otto von Bismarck ist man versucht zu sagen, dass das Wissen viel zu wichtig ist, als das wir es den Wissenschaftlern überlassen können. Die kulturelle Aneignung des wissenschaftlichen Korpus, der Versuch, daraus Sinn zu ziehen und das Verständnis der Welt und des Menschen zu bereichern und vertiefen, ist grundsätzlich keine wissenschaftliche Tätigkeit. Hier neigt man — besonders in den Geisteswissenschaften — dazu, unter dem Namen der Wissenschaft Tätigkeiten zu betreiben, die von Hause aus kultureller Natur sind, wovon sowohl Wissenschaft wie auch Kultur verdorben werden.

Der Wissenschaft fehlt es an zwei Dingen: an Integration und an Interpretation. Diese in Gang zu setzen, ist die wichtigste Aufgabe, die heute in der Wissenschaft ansteht. Und sie ist auch eine verdammt dringende.

J. W. von Goethe

Geschrieben am 27.10.12

Goethe war eine einmalige Persönlichkeit, bei dem einfach alles gepasst hat. Nicht nur wurde er mit vielen Begabungen geboren und hat sie im Laufe des Lebens zur Entfaltung gebracht, sondern alle Umstände rund um ihn herum haben zu einem einmaligen Werk beigetragen. Er hat lange und in der richtigen historischen Zeit gelebt, nachdem das intellektuelle Niveau der Aufklärung bereits geblüht hatte und die Verarmung einer zu engen Auffassung derer bereits zu Bewusstsein gebracht, aber noch bevor die Welt durch unkontrolliertes Wachstum entstellt wurde. Er war in der richtigen Familie aufgewachsen, mit finanziellen Mitteln und Bildungsanspruch, und hatte die richtigen engen Freundschaften – mit dem Herzog von Sachsen-Weimar, der ihn beruflich und gesellschaftlich, und mit Schiller, der ihn geistig weiter brachte. Er hatte vielfältige Interessen für natürliche wie geistige Begebenheiten, so wie für das persönliche (Er-)Leben, und bemühte sich um eine zusammenhängende Auffassung all dessen. In seinen Schriften steht immer das in Vordergrund, wovon die Rede ist, sogar in den Stücken, die aus gesellschaftlichen Anlässen entstanden. Seine Lyrik zeugt gleichermaßen von Hunger nach und Fülle von Erlebnissen und Reflexion darüber. Alles andere als ein „Fachschriftsteller”, der zwar mit mächtiger Ausdrucksfähigkeit, aber mit einfältiger innerer Beschaffenheit ausgestattet ist, war er ein großer Geist, der mit imposantem handwerklichem Können die Sprache dazu einsetzte, die Einheit in der erlebten Welt herzustellen. Der sprachliche Ausdruck ist bei Goethe das, was das Leben und die Welt im Innersten zusammenhält.

Philosophische Elite

Geschrieben am 26.08.12

Carl Friedrich von Weizsäcker: „Die Einheit der Natur”, 8. Auflage Mai 2002, Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 15:

In den Fragen der [philosophischen] Klassiker begegnen uns unsere eigenen Fragen wieder, freilich auf einem Reflexionsniveau, von dessen Möglichkeit wir Wissenschaftler meist nicht einmal eine Ahnung haben, und andererseits in historischen Denkformen, die uns fremd geworden sind […]. Wir können von ihnen nur lernen, wenn wir sie an ihrem geschichtlichen Ort und, soweit wir das eben vermögen, auf ihrem Niveau zu interpretieren suchen.

Dem können wir nur zustimmen. Stichwort „Niveau”. Das Niveau der philosophischen Klassiker hebt sich über das wissenschaftliche Niveau meilenweit hervor. Philosophie ist nun mal abgehoben, weil es um höchste Einzelleistungen geht. Wissenschaft ist ein Geschäft des Pöbels. Wenn die Wissenschaft einmal etwas erreicht hat, so gilt dies für alle. Wenn aber die Philosophie einmal etwas erreicht hat, so gilt dies für die auserlesenen Geister, die es nachvollziehen können – die Masse bleibt außen vor.

Wissenschaftlicher Tratsch

Geschrieben am 18.08.12

Etwas ist gründlich schief gelaufen, wenn man heute in der Wissenschaft die Leistung eines Wissenschaftlers daran misst, wie oft er „zitiert” wird. Klatsch und Tratsch sind also im wissenschaftlichen Betrieb salonfähig geworden. Wie war das noch mit der Suche nach der Wahrheit? Ach, so ein altmodischer Begriff – das spielt in der Wissenschaft keine Rolle. Ob jemand einen Fortschritt vorangetrieben hat, wer will das schon wissen? Hauptsache, es wird viel über einen gequatscht.

Die heutige Wissenschaft ist strukturell wieder zu ihren dunklen Ursprüngen zurückgefallen. Nicht die sachliche Auseinandersetzung – eine ansetzende Errungenschaft der modernen Naturwissenschaft, deren Durchbruch noch ansteht – regiert sie, sondern schon wieder verstärkt die gesellschaftlichen Agenten, die seit jeher, schon im Mittelalter und in der Antike, die Fäden ziehen. Es geht in großen Teilen der Wissenschaft nur um gesellschaftlichen Aufstieg und den Fortbestand der angestammten Machthaber.

Ignoranten

Geschrieben am 24.07.12

Das Gefährliche an der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung ist, dass die Ignoranten deutlich überhandnehmen. Ignorant ist nicht derjenige, der die Einzelheiten nicht kennt, sondern derjenige, der sich aus Unkenntnis überhaupt nicht orientieren kann. Das wird nicht allein durch die bloße Menge an Tatsachen und Wissen in der heutigen Welt – welche sich im Übrigen nicht daraus ergibt, dass die Menschen heute schlauer sind, sondern einfach daraus, dass es heute so viele Menschen gibt – veranlasst, sondern vor allem aus dem Mangel an Integration des Wissens. In einer Zeit, in der sich der vernünftige Mensch überfordert fühlen muss, erheben nur die Kopflosen, die gern im Trüben fischen, die Stimme. Besonders schlecht ist es in einer solchen Konstellation mit den Ideen bestellt. Denn das technische Wissen wird durch die Anwendung verbreitet. Aber die geistigen Errungenschaften – die sinngebenden Weltanschauungen, die tiefsinnigen Einsichten, die grundlegende Kritik, die orientierungsstiftenden Intuitionen, also alles, was das philosophische Denken wertvoll macht – können in solcher Umwelt nicht Fuß fassen und ziehen sich allmählich zurück. Früher waren die Fachidioten als Dumme angesehen. Gegenwärtig sind sie die Einzigen, die etwas Nützliches von sich geben. Denn neben den Fachidioten bleiben uns heute nur noch die Idioten ohne Fach.

Denken und Logik

Geschrieben am 22.07.12

Es ist wohl der grundsätzliche Fehler, der unser Tun und Denken am Meisten beeinträchtigt: Die Auffassung, dass die Logik ein Ergebnis des Denkens ist, dass man also, um die Logik zu begründen, das logische Denken erörtern soll. Dabei sind Logik und Denken grundverschiedene, nicht aufeinander zurückzuführende Phänomene. Die Verwirrung entsteht vielleicht daraus, dass man logische Strukturen auch geistig erfassen kann, das heißt, dass man über die Logik nachdenken kann. Aber während das Denken nur beim Denken existiert, ist die Logik in der Welt auch dann anwesend und wirksam, wenn keine Menschen sie gerade wahrnehmen. Nur, um das zu begreifen, muss man die Begriffe des Denkens und der Logik selbst von herkömmlichen Missverständnissen und ablenkenden Mitklängen bereinigen. Und wie es bei allen tief verwurzelten Grundbegriffen so ist, bedarf ihre Klärung der größten Anstrengung.

Erlkönig

Geschrieben am 01.07.12

Die Ballade „Erlkönig" verfasste Goethe 1782 für ein Singspiel, das bei einem Festakt der Herzogin Anna Amalia in Weimar aufgeführt wurde. Das Stück mutet unheimlich an, zumindest, wenn man es – außerhalb des ursprünglichen Kontextes im Singspiel – in der für die Veröffentlichung überarbeiteten Fassung liest. Es wirkt wie eine Kombination aus volkstümlichem Märchen und Schauergeschichte. Neben dem Erzähler, der anfangs die Situation und die Charaktere und am Schluss den Ausgang schildert, ergreifen drei Stimmen abwechselnd das Wort, nämlich ein Erwachsener, sein Kind und die fantastische Gestalt des Erlkönigs, der nur durch den Sohn wahrgenommen wird. Vater und Kind reiten für die gesamte Dauer der erzählten Episode; man weiß nicht woher, man weiß nicht wohin, man erfährt nur, dass es nachts und windig, teilweise aber nebelig ist, dass sie vorbei an Bäumen und in der Nähe von Weiden reiten. Die Charaktere von Vater und Kind zeigen im Laufe des Stücks keine Entwicklung. Das Kind, das die Landschaft wach und intuitiv wahrnimmt, hört die Stimme des Erlkönigs, fühlt sich bedroht und erzählt es besorgt dem Vater. Dieser aber, mit dem Reiten beschäftigt, hält diese Erlebnisse für bloße Einbildung und versucht, sie dem Kind mit scheinbar vernünftigen Argumenten auszureden. Drei Mal passiert das Gleiche: Das Kind macht verängstigt den Vater auf dem Erlkönig aufmerksam, der Vater verneint rationalisierend dessen Gegenwart. Am Ende bricht mit dem Erzähler die unbestreitbare Realität ins Geschehen auf: Das Kind stirbt.

Der Dialog zwischen Elternteil und Kind könnte, vom Ausgang abgesehen, für ein typisches Gespräch von der Sorte, wie sie sich täglich unzählige Male zwischen Erwachsenen und Kindern ereignet, gehalten werden. In jungen Jahren personifiziert man schließlich vieles, das man später nur sächlich interpretieren kann. Nur stellt sich hier im Nachhinein heraus, dass eigentlich das Kind recht hatte, und er mehr gesehen und verstanden hatte als sein Vater, für den der Tod des Kindes scheinbar grundlos bleiben muss. Hier schwebt dem Leser ein Wink an die Überzeugungen des Sturm-und-Drangs und eine Kritik an einer zu selbstherrlichen Auffassung der aufgeklärten Ideale vor. Auch erkennt man hier eine Mahnung, die Natur mit Demut zu begegnen und ihre Gewalt über die Menschen anzuerkennen.

Anders als in den jeweils gleichbleibenden Positionen von Vater und Kind ergibt sich in den Worten des Erlkönigs eine Steigerung. Er beginnt mit einem Sirenengesang, der das Kind anziehen soll. Durch die wiederholten Misserfolge durchzieht der Erlkönig alle Register, er versucht zuerst mit kindlichen Spielen, dann mit Kostbarkeiten, später durch weibliche Reize das Kind für sich zu gewinnen. Am Ende verliert der Erlkönig die Fassung, gesteht seine Begierde und kündigt Gewaltanwendung an. Diese Härte zusammen mit der Tatsache, dass der Erlkönig ein reifer Mann, wenn nicht ein Greis ist, und einen Knaben verführen will, kann gegenwärtigen Ohren sehr modern anmuten, allerdings ist das vielleicht eine unzeitgemäße Lesart. Es wirft sich auch die Frage auf, wie lange die dargelegte Episode währt. Es kann sich um wenige Stunden handeln, man kann aber auch eine symbolische Lesart vertreten und den nächtlichen Ritt als jahrelangen Gang durch das Erwachsenwerden interpretieren. Letzteres verstärkt den Eindruck der Kritik an die Gesellschaft und an althergebrachte Erziehungsansätze, die den Menschen von der inneren wie äußeren Natur entfremden.

Seufzer

Geschrieben am 30.06.12

Ach, wär' ich nur

hier geboren,

was hätte ich alles

machen können.

Vom ortsgebund'nen

Dialekt

bis Goethes Lyrik

unentwegt,

von Hegels Geist

zum heut'gen Rap,

wär' alles in mir

ausgesät.

Was wäre das

für eine Wonne

und doch hab' ich

keine Sonne,

alles darf ich

nur erahnen,

nicht teilhaben,

nicht mitmachen.

Der junge Mensch,

der wünscht sich viel

und glaubt, das sei

ihm auch gegönnt,

dann aber sieht

er, was ihm bleibt,

das Frönen nur,

und stöhnt.

Philosophiebegriff

Geschrieben am 14.05.12

Philosophie zu definieren, fällt uns in der Gegenwart schwer. Das liegt daran, dass die Grundbegriffe unserer Welterklärungen für diesen Zweck völlig unangemessen sind. Denn jeder weiß, dass Philosophie es mit Ideen zu tun hat, doch keiner weiß, was das, eine Idee, ist. Gut ist, wenn wir von Philosophen wie Platon oder Kant reden, von Autoren, die Ideen schriftlich ausgedrückt haben, die uns überliefert wurden und mit denen wir uns beschäftigen können. Schlecht ist, wenn wir jemand deshalb als Philosophen kennzeichnen, weil er etwa den Beruf eines Philosophieprofessors ausübt, oder gar weil er bloß ein Philosophiestudium abgeschlossen hat. Denn formelle Kriterien, wie Ausbildung oder Beruf es sind, können grundsätzlich keine inneren Realitäten, wie Ideen es sind, charakterisieren.

Ideen entstehen in jedem Einzelnen und können den Einzelnen nicht verlassen. Das weiß zwar jeder, aber die Meisten haben die Konsequenz daraus nicht gezogen und gehen nach wie vor davon aus, dass sie von anderen „niedergeschriebene” Ideen wahrnehmen können. Dieser Quatsch schafft es bis in die philosophischen Fakultäten hinein, wenn man etwa versucht, einen Autor zu „erklären”, oder wenn man glaubt, aus der Tatsache, dass jemand das Studium abgeschlossen hat, schließen zu können, dass er auch die Ideen der Philosohiegeschichte „verstanden” hat.

Wie mit der Musik verhält es sich mit den Ideen. So wie man ein Musikwissenschaftler von einem Musiker auseinanderhalten kann, so wie man vom ersten fundierte Kenntnisse und vom zweiten eigene Kompositionen oder Interpretationen erwartet, genauso sollte man bei den Ideen zwischen dem Philosophen, der neue Ideen hervorbringt, und dem Wissenschaftler, der Wissen über historischen Ideen erarbeitet, unterscheiden. So lange wir beide nicht konsequent auseinanderhalten, werden unsere geistigen Konzertsäle weiterhin voll von Kenntnissen über physikalische Akustik und Geschichte der Musikinstrumente und leer von jedweder Musikalität bleiben.

Blog

Geschrieben am 30.04.12

Das Genre Blog ist für die persönliche Arbeit eine ausgezeichnete Textsorte. Die Hemmschwelle ist niedrig, so dass man spontane Einfälle mitteilen kann. Die letzten Einträge erscheinen auf der Hauptseite ganz oben, das entspricht auch dem spontanen Wunsch des Verfassers. Die Einträge werden auf dem Web aufgehängt, damit sie mit der Zeit — wie die Wäsche — trocknen und sich — wie die Fotos — entwickeln. Man hat die letzen Notizen länger gegenwärtig, so dass sich daraus eventuell weiterführende Notizen, ferner selbstständige Artikel ergeben.

Der Weblog ist für die geistige Betätigung ein Instrument ersten Ranges. Schade nur, dass das Genre in der Gegenwart weniger diese individuell-kreative Rolle und viel mehr die Rolle des salonfähigen Stammtisches erfüllt. Viele Blogs haben eine Qualität der Information Null, aber große Resonanz, wenn durch den aufgeschreckten Schwarm der Funke auf die Massenmedien springt.

Noch einmal Anfang

Geschrieben am 29.04.12

So wie vor zwei Jahren ist es nun wieder an der Zeit, reinen Tisch zu machen, sprich die nicht mehr gepflegten Webauftritte auszurangieren, die alten Themen zu vergessen und sich mit leerer Seite der ungewissen Zukunft zuzuwenden.

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Letzte Änderung am 07.08.14

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